HauptseiteKartenMaterialenVerweiseDiskussion


Vincentas Drotvinas




BEMERKUNGEN ZUM
CLAVIS
GERMANICO-LITHVANA
VON FRIEDRICH PRÄTORIUS

Das handschriftliche deutsch-litauische Wörterbuch Clavis Germanico-Lithvana ist aller Wahrscheinlichkeit nach (Angaben über den Autor und die Zeit der Zusammenstellung des Wörterbuches fehlen im Originaltext) ein Werk von Friedrich Prätorius (lit. Pretorijus, 1624–1695), dem bedeutenden Förderer des litauischen Schrifttums in Klein Litauen, dem Übersetzer der lutherischen Lieder ins Litauische, dem Rezensenten der ersten litauischen Grammatiken von Daniel Klein (lit. Danielius Kleinas; 1653, 1654). Nach der Meinung von Jurgis Lebedys (1956) wurde dieses Wörterbuch nicht später als 1675 zusammengestellt. Auf Grund einer kritischen Untersuchung der Entstehung des Wörterbuches und der Papierwasserzeichen ist anzunehmen, daß das Wörterbuch nach dem Jahre 1680 entstanden ist.

Diese Handschrift wurde 1945 in Ostpreußen, in den Ruinen der zerstörten Burg Lochstädt (lit. Laukstyčiai) gefunden, in der ein Teil des Preußischen Staatsarchivs aus Königsberg am Ende des 2. Weltkriegs untergebracht wurde. Die Signatur der Handschrift war Msc. 85 in 4°, Msc. 86 in 4°. Die Expedition der litauischen Wissenschaftler für die Rettung der lituanistischen Kulturschätze brachte sie nach Vilnius. Zur Zeit wird sie in der Handschriftenabteilung der Bibliothek der Litauischen AdW aufbewahrt; ihre Signatur ist F 137 13–14.

Das handschriftliche Original besteht aus 2 Bänden mit 1261 nummerierten Blättern. Unter Berücksichtigung der korrigierten Paginierung des 1. Bandes und nach Abzug 217 leerer Seiten in beiden Bänden hat das Wörterbuch 2511 Seiten Text. Sein Format bemißt sich auf 20,2x16,3 cm.

Das Wörterbuch sollte die Vorbereitung der Bibelübersetzung und anderer lutherischen Texte ermöglichen (bis zu jener Zeit gab es keine gedruckte Bibel in der litauischen Sprache). Auf Grund des Umfanges des Wörterbuches und der lexikographischen Bearbeitung des Wörterbuches ist es nicht nur als bedeutendes Werk zweisprachiger Lexikographie des 17. Jahrhunderts anzusehen, sondern auch als Denkmal der litauischen Sprache und der ganzen litauischen Kultur. Im allgemeinen muß es als herausragende Leistung der frühen baltischen Lexikographie betrachtet werden.

Das Werk von Prätorius ist die Schaffung eines Wörterbuches litauischer Entsprechungen mit deutschen Konkordanzen der Bibel von Martin Luther. Das Inventar des Wörterbuches wurde vom Autor auszugsweise gewählt und nicht nur mit alltäglicher Lexik, sondern auch mit örtlicher Onomastik und Internationalismen nichtbiblischen Charakters ergänzt. Die Artikel im Wörterbuch beinhalten das deutsche Stichwort, litauische Entsprechungen (Wörter, ihre grammatischen Varianten, Wortverbindungen) und – in einer Reihe von Fällen – Belege für den Gebrauch der litauischen Wörter. Litauische Entsprechungen hat der Autor den schriftlichen Texten und der volkstümlichen Umgangssprache jener Zeit entnommen. Die deutschen Wörter werden oft mit einigen (bis 10) litauischen Entsprechungen übersetzt. Nicht alle Wörter sind jedoch in den übersetzten Bibeltexten gebraucht worden.

Die Bedeutung der Wörter und der Gebrauch ihrer Formen im 17. Jahrhundert werden durch Beispiele illustriert. Im Wörterbuch finden sich biblische Auszüge im Deutschen und ihre Übersetzungen ins Litauische, die aller Wahrscheinlichkeit nach Prätorius selbst geliefert hat. In einer Reihe von Fällen wird der Gebrauch des Wortes in einem Textabschnitt mit bildhafter Volkssprache dargestellt. Diese Abschnitte ergänzen die Übersetzungen der einzelnen Bibelstellen und erscheinen zugleich als direkte Widerspiegelung der materiellen und geistigen Kultur der Litauer des 17. Jahrhunderts in Klein Litauen.

Für die Darstellung der grammatischen Charakterisierung der litauischen Wörter wird das System der lexikographischen Anmerkungen verwendet. Neben dem Nominativ der Substantive wird die Genetivendung und das grammatische Geschlecht angeführt (für die Pluraliatanta wird auch die Zahl angegeben). Neben dem Nominativ der Adjektive im Maskulinum werden auch die Endungen der Adjektive im Femininum angegeben. Dafür werden systematisch die Abkürzungen der lateinischen grammatischen Termini benutzt. Fast regelmäßig werden die vier Grundformen des Verbs (eingeleitet durch den Infinitiv oder durch die 1. Person Präsens) angegeben.

Der Autor beschränkte sich nicht auf die Übersetzung der deutschen Wörter in die litauische Sprache. Die Bedeutung und der Gebrauch des bestimmten Wortteiles werden durch Übersetzungen ins Lateinische sowie durch lateinische (seltener deutsche) grammatische Bemerkungen und Erklärungen der Realien präzisiert. Auf diese Weise hat Prätorius die Semantik litauischer Wörter gekennzeichnet. Durch die Betonung ihrer stilistisch-emotionellen Konnotation wies er auf lexikale und grammatische Verbindungsmöglichkeiten und auf das Gebrauchsfeld einer Reihe von Wörtern hin.

Dem Typ nach ist das Wörterbuch von Prätorius ein zweisprachiges Wörterbuch der Schriftsprache, das durch die umgangssprachliche Lexik, durch viele Übersetzungselemente und Erklärungen in der dritten – lateinischen – Sprache und durch wertvolle Anführungen des Wortgebrauchs ergänzt ist.

In seiner Arbeit zeichnete sich der Autor nicht nur durch seine vorzügliche Kenntnis der litauischen Sprache, sondern auch durch weitgehende sprachwissenschaftliche Gelehrsamkeit aus (außer Litauisch und Deutsch beherrschte er perfekt Lateinisch und Griechisch). Er zeigte ein tiefes Verständnis der semantischen Spezifik der litauischen Wörter und Fertigkeiten im Gebrauch der lexikographischen Technik.

Nach dem Reichtum der gesammelten Lexik und ihrer lexikographischen Bearbeitung übertrifft das Wörterbuch von Prätorius seine zeitgenössischen Wörterbücher: das anonyme deutsch-litauische Wörterbuch Lexicon Lithnanicum, Dictionarium trium linguarum von Konstantinas Sirvydas und sogar das erste gedruckte litauische Wörterbuch in Klein Litauen Vocabvlarivm ... von Friedrich Wilhelm Haack (Halle, 1730).

Im Laufe der Vorbereitung seines Wörterbuches konnte Prätorius die Werke der litauischen Lexikographie nicht benutzen, da es zu dieser Zeit noch kein gedrucktes litauisches Wörterbuch in Ostpreußen gab. Deshalb kann man Prätorius für den Wegbereiter der litauischen Lexikographie in Klein Litauen halten.

Prätorius hat das Wörterbuch der Bibelübersetzungen vorbereitet und seine Lexik durch volkstümlich-umgangssprachliche Wörter jener Zeit ergänzt. Mit seiner Arbeit zeigte Prätorius überzeugend, daß der Wortschatz der litauischen Sprache ihrem Reichtum und ihrer Vielfältigkeit nach der Lexik der deutschen Sprache nicht nachsteht. Das Wörterbuch von Prätorius bleibt als der am meisten gelungene Versuch (obwohl es auch nicht zu dem Abschluß geführt wurde), die Lexik jener Zeit in der Form eines lexikographischen Werkes darzustellen.

Infolge ungünstiger kulturell-historischer Bedingungen ist das Wörterbuch von Prätorius nicht vollendet und ungedruckt geblieben. Deswegen konnte es die ihm vorgeschriebene Rolle bei der Entwicklung und der intensiveren Normalisierung der litauischen Schriftsprache in Klein Litauen nicht spielen. Jedoch zeigte es die Effektivität einer breiteren Anwendung der Umgangssprache in der litauischen Lexikographie, bereitete den Weg für das Erscheinen des ersten gedruckten litauischen Wörterbuches in Klein Litauen im 18. Jahrhundert vor.

Die Publikation verfolgt den Zweck, Licht auf die wenig bekannte Tatsache der litauischen nationalen Kultur zu werfen und die Öffentlichkeit mit Traditionen der Vorbereitung zweisprachiger Wörterbücher bekanntzumachen. Wir hoffen, daß die Geschichtsforscher der litauischen Sprache und Literatur durch Untersuchungen des veröffentlichten Wörterbuches dazu beitragen werden, dem Werk von Prätorius den ihm gebührenden Platz in der noch nicht geschriebenen Geschichte der litauischen Lexikographie einzuräumen.

 
 
 
 
 
Vorwort aus dem Buch:

Clavis Germanico-Lithvana: rankraštinis XVII amžiaus vokiečių-lietuvių kalbų žodynas = Handschriftliches Deutsch-Litauisches Wörterbuch des 17. Jahrhunderts = manuscript German-Lithuanian dictionary of the 17th century, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų l-kla, 1995, D. 1: A–E, S. xxviii–xxxi.

 

 

<<< Zurück zu Materialen





Read a newspaper from 1857!