HauptseiteKartenMaterialenVerweiseDiskussion


Arthur Hermann




DIE KLEINLITAUER UND DIE EVANGELISCHE KIRCHE OSTPREUßENS 1871–1933

Zusammenfassung

Die Einstellung der Evangelischen Kirche in Ostpreußen zur litauischen Minderheit erfuhr in der Zeit von 1871 bis 1933 einige Veränderungen. Nach dem Verbot des muttersprachlichen Unterrichts in den Schulen für die Minderheiten 1873 initiierten Geistliche und litauische Gläubige eine Petitionsbewegung, Die Allianz von Pfarrern, Stundenhaltern und Kirchengemeinderäten zwang 1881 den Staat zum punktuellen Nachgeben in der Frage des muttersprachlichen Religionsunterrichts. An weitergehenden Forderungen beteiligte sich fortan die Kirche nicht.

Die Sprache im Konfirmandenunterricht blieb dagegen eine interne kirchliche Angelegenheit. Bis 1914 galt der Grundsatz, Konfirmandenunterricht in der Muttersprache anzubieten, wenn die Kinder nicht genügend Deutsch verstanden oder die Eltern einen solchen Unterricht forderten. Mit der Verbesserung der deutschen Sprachkenntnisse bei Kindern der Minderheiten verzichteten immer mehr Gemeinden auf gesonderten litauischen Konfirmandenunterricht. Nach 1910 fand der Konfirmandenunterricht nur noch im Memelland auf Litauisch statt.

Die ausschließlich litauischen Stadtgemeinden in Königsberg, Memel und Tilsit wurden bis 1875 aufgelöst. Wie schon früher in den Landgemeinden wurden auch in den Städten mehrsprachige Parochien gebildet. Die Kirche bot jedoch auch weiterhin litauische Gottesdienste in allen Gemeinden an, in denen mehr als 50 Litauer lebten. Die Kirchenleitung achtete auch darauf, daß in den sprachlich gemischten Kirchenkreisen vorrangig nur solche Superintendenten eingesetzt wurden, die beide Sprache beherrschten.

Mit der Übernahme des Amtes des Generalsuperintendenten durch Braun 1894 wich die von den Vorgängern gezeichte Hochachtung des Litauertums einer reservierten Haltung. Braun plädierte offen für eine sanfte Germanisierung, wenn er auch weiterhin auf die muttersprachliche Versorgung der Litauer im Gottesdienst und in der Seelsorge achtete, solange sie eingefordert wurde. Auch viele Pfarrer setzten sich seit der Jahrhundertwende nicht mehr bewußt für das Litauertum ein. Überhaupt nahm die Zahl der litauischsprachigen Pfarrer seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhundertes stetig ab. Nur wenige Pfarrer waren litauischstämmig, die meisten von ihnen lernten Litauisch auf dem Litauischen Seminar in Königsberg. Die Kreissynoden forderten daher Zulagen für Pfarrer in gemischtsprachigen Gemeinden, um auf diese Weise das Erlernen der Sprachen zu fördern.

Im großen und ganzen ging die Kirche recht vorsichtig mit Minderheiten um aus Angst vor Übertritten zur Katholischen Kirche und zu Sekten. Große Sorge bereitete der Kirche die Gemeinschaftsbewegung, die besonders unter den Litauern große Verbreitung fand. Nachdem der von Kukat ins Leben gerufene Ostpreußische Evangelische Gebetsverein 1896 aus der Kirche ausschied, bemühte sich die Kirche, die Gemeinschaftsbewegung einzudämmen. Große Gemeinden wurden verkleinert und die Stundenhalter unter die Aufsicht der Pfarrer gestellt.

Nach der Abtrennung des Memellandes von Ostpreußen 1919 wandelte sich die bisher gezeigte Milde gegenüber dem kleinen litauischen Rest in Mißtrauen. Aus Angst, daß diese sich zu Litauen bekennen könnten, befürwortete auch die Kirche ihre rasche Eindeutschung. Nur noch in der Liturgie wurde die litauische Sprache beibehalten. Die Zahl der Gemeinden mit litauischen Gottesdiensten nahm jedoch ständig ab. Trotzdem wurde die Kirche auch nach 1919 nirgends zu einem willenlosen Helfer der staatlichen Macht.

  







 

Quelle:

Lituanistica, Vilnius, 1998, Nr. 2 (34), p. 57–58.

 

<<< Zurück zu Materialen





Read a newspaper from 1857!