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Mečislovas Jučas




Die Schlacht bei Tannenberg

Zusammenfassung

Die Monographie besteht aus einer Einführung, vier Haupt- und einem Schlußkapitel.

In der Einführung belegt der Autor, daß nicht Polen, sondern Litauen die Hauptlast des Kampfes gegen die Expansion des Deutschen Ordens getragen hat. Das wichtigste Ergebnis des Sieges bei Tannenberg am 15. Juli 1410 war, daß Litauen das besetzte Žemaitija (Schemaiten) zurückgewinnen und die weitere Expansion des Ordens stoppen konnte.

Der Verfasser zeigt, daß dieser Sieg weder für Litauen noch für Polen allein möglich gewesen wäre. Nur durch ihr gemeinsames Vorgehen konnte der mächtige Orden geschlagen werden. Der entscheidenden Auseinandersetzung mit dem Orden ging eine lange Konsohdierungsphase des litauischen Staates voraus. Dazu trug die Gründung des Großfürstentums Litauen durch Gediminas (1316–1341) bei, ebenso wie die Regentschaft von Algirdas (1345–1377), der den litauischen Einflußbereich weit nach Osten und Süden ausdehnte. Litauen war auch militärisch gewachsen und in der Lage, Gewalt von außen entgegenzutreten. Der große Diplomat und Krieger Vytautas (1401–1430) erkannte schließlich, daß der Orden nicht beabsichtigte, mit seiner Expansionspolitik an den Flüssen Dubysa oder Nevėžis halt zu machen.

Der Orden strebte vielmehr danach, das Gebiet von der Oder bis zum finnischen Meerbusen im Norden, bis nach Nowgorod und Pskow im Nordosten und bis zum Pripjet im Osten zu erobern. 1386 wurde der litauische Herrscher Jogaila König von Polen (Władysław II Jagiełło), sein Vetter Vytautas wurde litauischer Großfürst, und beide gründeten eine politische Union, die zur Grundlage für den erfolgreichen Kampf gegen den Orden wurde. In der kurzen Zeit bis zur Schlacht von Tannenberg gelang es, die militärischen Kräfte des polnischen und litauischen Teils erfolgreich zu bündeln.

Jogaila und Vytautas strebten den vollständigen Sieg über den Gegner an. Auch wenn dieses Ziel nicht ganz erreicht wurde, so hat der Orden durch die Schlacht doch Burgen, Städte, Land, Untertanen, Vermögen und sein Ansehen verloren.

Die Tannenberger Schlacht war ein internationales Ereignis, von dem viele Völker in Zentral- und Osteuropa betroffen waren. Deshalb nehmen die Umstände dieser Schlacht bis heute eine bedeutende Stellung in der historischen Forschung vieler Länder ein, vor allem in Polen, etwas weniger ausgeprägt in Litauen, Deutschland, Tschechien, Italien, den USA und den skandinavischen Staaten.

Grundlegende Arbeiten wurden von einigen polnischen Historikern vorgelegt: S. Kujot (einer der ersten, der die Flucht des Heeres unter Vytautas als Manöver beschrieb), O. Laskowski, G. Łowmiański (mit einer Untersuchung des Konflikts zwischen Litauen und dem Orden unter dem Aspekt der Expansionspolitik des Ordens), S. Herbst, W. Majewski, Z. Nowak, A. Grabski, M. Biskup (Neubewertung der Rolle des Heeres von Vytautas), A. Nadolski (Untersuchung des Kriegswesens) und nicht zuletzt S. M. Kuczyński (umfangreiches Werk in vier Auflagen 1955, 1960, 1966, 1980; die Auseinandersetzungen mit seinen Kritikern hat er als Buch veröffentlicht). Kuczyński war nicht objektiv und unterschätzte die Rolle des litauischen Großfürsten Vytautas zugunsten des polnischen Königs Jogaila. Der Sieg sei dem polnischen Heer zuzuschreiben, da Vytautas mit seinen Kämpfern das Schlachtfeld vorzeitig verlassen habe. Diese Auffassung wurde von vielen polnischen Historikern unterstützt und ist in ihre grundlegenden Arbeiten eingeflossen.

Litauischerseits haben zunächst Militärhistoriker über die Schlacht bei Tannenberg geschrieben. Zu nennen sind S. Zaskevičius, Velikis und O. Urbonas. Später trugen Z. Ivinskis, S. Jurgėla und M. Jučas zur Forschung bei. Die litauischen Arbeiten bleiben hinter der polnischen Grundlagenforschung zwar in zahlreichen Aspekten zurück, aber dennoch ist ein eigenes nationales Bild der Ereignisse mit einer entsprechenden Interpretation entstanden.

Der Autor wertet auch wichtige deutsche und russische Studien aus, vor allem von J. Voigt, M. Toeppen, Ch. Krollmann, K. Heveker, M. Oehler, A. Werminghoff, F. Benninghoven, H. Boockmann, E. Maschke und besonders von S. Ekdahl, einem Historiker skandinavischer Herkunft, aber der deutschen Schule angehört. Er verfaßte 1982 in Berlin (West) ein wichtiges Werk über die Schlacht bei Tannenberg, von dem allerdings lediglich der erste Teil erschien, in dem ein Überblick über die Quellen gegeben wird.

Die russische Geschichtsschreibung zu diesem Thema, die mit einer Arbeit von A. Barbaschew begann, wurde abgesehen von einigen kleinen Abrissen während des Zweiten Weltkriegs nicht fortgesetzt.

Mit neuen wichtigen Quellen zu der Schlacht ist, abgesehen von dem bedeutenden Fund in Göttingen, der in der Zeitschrift für Ostforschung veröffentlicht wurde, nicht zu rechnen. Es geht heute im Wesentlichen um die Interpretation des vorhandenen Materials. Der Verfasser mißt dabei vor allem den Erkenntnissen von Johann von Posilge eine größere Bedeutung zu als der polnischen „Cronica conflictus“. Das heißt nicht, das zum Beispiel die Forschungsergebnisse von J. Długosz, der etwas später lebte, zurückgewiesen werden. Es wird lediglich auf die subjektive polnische Interpretation der Ereignisse verwiesen und die einseitige ungenaue Darstellung des gesamten Konflikts zwischen Litauen und dem Orden im 14. Jahrhundert durch verschiedene Chroniken, vor allem die des Wigand von Marburg, kritisiert.

Der Verfasser legt seinen Schwerpunkt besonders auf die diplomatische Auseinandersetzung, die in erster Linie in Briefen und anderen Schriftstücken von Vytautas zum Ausdruck kommt und bei A. Prochaska sowie in den Traktaten polnischer Juristen in einer Ausgabe von L. Ehrlich erschienen sind.

Im ersten Kapitel „Kurze Geschichte des andauernden Konflikts“ behandelt der Verfasser die Geschichte des Ordens von der Gründung im Jahre 1190 in Palästina bis zu seiner Übersiedlung nach Preußen 1230. Diese Neuorientierung des Ordens entsprach den Vorstellungen des Heiligen Stuhls und des Heiligen Römischen Reiches. Der Autor stellt außerdem die Intentionen des polnischen Fürsten Konrad von Masowien dar, der 1226 die möglichen Grenzen des Ordensstaates von der Weichsel bis zum Fluß Osa im Falle eines gemeinsamen Vorgehens Polens und des Ordens gegen die heidnischen Preußen festlegte. Die deutschen Ritter-Mönche hatten kein Erbrecht und bildeten im Gebiet zwischen Weichsel und Nemunas einen Kolonialstaat, der in Übereinstimmung mit Papst und Reich die Bekehrung der baltischen Heiden betrieb. Der Verfasser kritisiert diese Politik.

Nach seinem Sieg über die Preußen nahm der Orden seit 1283 den Kampf gegen Litauen auf, wobei bis 1360 nur der westliche, später auch der östliche Teil des Landes betroffen war. Dabei wurden Methoden aus der Zeit der Kreuzzüge angewendet. So nahmen an den „Litauerfahrten“ zahlreiche Söldner aus ganz Europa teil. Im Laufe von etwa zwei Jahrhunderten (hier werden auch die Raubzüge des Livländischen Ordens Anfang des 13. Jh. berücksichtigt) wurden etwa 200 Angriffe unternommen, die zahlreiche Menschenleben forderten und Litauen erheblichen materiellen Schaden zufügten. Viele Menschen wurden nach Preußen verschleppt und ihre Siedlungen niedergebrannt. Unter dem Deckmantel der Christianisierung wurde hier quasi ein 200jähriger Krieg geführt. Die Litauer versuchten, sich durch Kriegszüge nach Preußen und Livland zu verteidigen. Der Orden baute zum Schutz des eroberten Territoriums bis zum Anfang des 14. Jh. etwa 40 Burgen. Später kam eine Reihe von Burgen am Nemunas hinzu. Außerdem nutzte der Orden die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen litauischen Fürsten aus. Auf diplomatischem Wege fiel so Žemaitija an den Orden; entsprechende Verträge wurden 1380, 1382, 1384, 1398 und 1404 geschlossen. Der Autor widerspricht allerdings der Auffassung, Litauen habe diese westliche Provinz geopfert, um im Osten freie Hand zu haben.

Die eigentliche Bekehrung Litauens erfolgte auf friedlichem Wege durch die polnisch-litauische Union von 1386. Danach suchte Hochmeister Konrad Zöllner nach Möglichkeiten, diese Union zu zerstören, um Litauen erobern zu können. Seine Politik wurde von den Prämissen geleitet, daß Litauen auch nach der Union heidnisch geblieben sei und daß das Bündnis zwischen Vytautas und den Russen, Tataren und Türken im Osten nicht nur den Orden, sondern ganz Europa gefährde. Außerdem greife Litauen weiterhin den Ordensstaat an, weshalb dieser dazu verpflichtet sei, seine Untertanen zu schützen. Päpste und Kaiser bestätigten immer wieder die Rechtmäßigkeit des Vorgehens des Ordens. Erst Papst Bonifatius IX. untersagte dem Orden, weiterhin gegen Litauen Krieg zu führen. Der Verfasser hält politische und territoriale Ansprüche des Ordens für die eigentlichen Hintergründe der jahrhundertelangen Auseinandersetzungen.

Um erfolgreich gegen den Orden zu kämpfen, war es nötig, die militärischen Ressourcen Polens und Litauens zu vereinen, die Ostgrenzen gegenüber Moskau zu sichern und im Falle eines Konflikts mit dem Orden Livland zu isolieren. Zwischen 1406 und 1408 erreichte Vytautas diese Ziele und inspirierte 1409 den Aufstand von Žemaitija, den er später offen unterstützte und damit die große Auseinandersetzung mit dem Orden herbeiführte. Polen stand Litauen dabei nicht nur wegen territorialer Streitigkeiten mit dem Orden bei, sondern auch, weil es eine Koalition zwischen dem Orden einerseits und Böhmen und Ungarn andererseits befürchtete.

Im zweiten Kapitel „Vorbereitung auf den Krieg“ analysiert der Verfasser folgende Aspekte: 1) Kriegserklärung und Kriegsbeginn im Sommer 1409, 2) mißlungene Vermittlungsversuche der Luxemburger, den Königen Ungarns und Böhmens, 3) Appelle des Ordens, des polnischen Königs und des litauischen Großfürsten an das Reich mit dem Ziel, die jeweils gegnerische Seite nicht zu unterstützen, 4) Mobilmachung von Truppen in weiten Teilen Zentral- und Osteuropas; Stärke und ethnische Zusammensetzung der Heere, 5) Führung und strategische Pläne des polnisch-litauischen Heeres. Den Krieg erklärte Hochmeister Ulrich von Jungingen am 6. August 1409, nachdem Polen Litauen seine Unterstützung im Falle eines militärischen Konflikts um Žemaitija zugesichert hatte.

Die Kriegshandlungen begannen nicht in Žemaitija, sondern in der Region Dobrzyń. Die polnischen Festungen hielten hier aber den Angriffen des Ordens nicht stand, so daß das Gebiet besetzt wurde. Hochmeister Ulrich hoffte, Polen dadurch zur Aufgabe seiner Unterstützung Litauens zu zwingen. Dobrzyń wurde quasi zum Pfand für das verlorene Žemaitija. Die Auseinandersetzungen wurden durch die Vermittlungsversuche der Luxemburger unterbrochen, wobei sich der Orden der allgemeinen Zustimmung zu seinem Vorgehen im Reich sicher sein konnte. Litauen und Polen wurden als Schismatiker und Verbündete der Tataren und Sarazenen betrachtet. Der ungarische König Sigismund, später Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, und sein Bruder Wenzel, König von Böhmen, faßten einen Beschluß zugunsten des Ordens. Der Diplomatie Polens und Litauens gelang es nicht, dies zu verhindern. Außerdem verfolgte Ungarn eigene Pläne in Polen und erhielt vom Orden bedeutende finanzielle Zuwendungen.

Polen und Litauen konnten nicht auf moralische und erst recht nicht auf militärische Hilfe aus dem Reich hoffen. Dennoch sandten Jogaila und Vytautas am 9. September Klageschriften an das Reich. Ihr wichtigstes Argument war, daß der Orden die Heidenmission in den von ihm besetzten Gebieten nicht vorantreibe. Somit gehe es dem Orden nicht um die Erfüllung seiner Aufgaben, sondern um die Ausdehnung seiner Macht. Litauen sei bereits Dank polnischer Hilfe christianisiert worden und trotzdem weiterhin den Angriffen des Ordens ausgesetzt. Jogaila und Vytautas begründeten ihren Protest also moralisch. Dies war der Beginn bedeutender Diskussionen innerhalb der Kirche. Der Konflikt zwischen dem Orden und Polen-Litauen zog nur relativ wenige Kämpfer aus dem Westen nach Preußen. Dies lag auch daran, daß Westeuropa durch den Hundertjährigen Krieg mit sich selbst beschäftigt war.

Die polnischen und litauischen Bündnispartner waren dem Orden zahlenmäßig deutlich überlegen. Allgemein anerkannte Schätzungen gehen davon aus, daß den 18–20.000 Mann des Ordens 25–30.000 Kämpfer gegenüberstanden. Auch die materielle Versorgung der polnisch–litauischen Verbände mit Waffen, Pferden und Vorräten sowie die Möglichkeiten der Mobilmachung übertrafen die des Ordens. In dieser Schlacht hat also materielle Überlegenheit über die modernere Ausrüstung des Ordens gesiegt. Der Autor stellt fest, daß das Heer Jogailas und Vytautas fast ausschließlich aus Polen, Litauern und Russen bestand, nicht jedoch aus anderen Völkern. Erstaunlich sei die schnelle und effektive Mobilmachung des Heeres in dem großen Staatsgebiet. Dies sei kein Zufall gewesen, sondern auf die Erfahrung des litauischen Heeres in seinen jahrhundertelangen Kämpfen zurückzuführen.

Der Verfasser geht davon aus, daß das Heer von dem polnischen König Jogaila geführt wurde, der an der Spitze des polnisch-litauischen Staates stand. Allerdings bestreitet der Autor die Ansicht vieler polnischer Historiker, darunter auch S. M. Kuczyński, wonach Litauen durch die Union von 1386 Polen untergeordnet worden sei und auch in der Schlacht bei Tannenberg nicht selbständig gehandelt habe. Vielmehr sei davon auszugehen, daß Vytautas sowohl die Verbände des litauischen Großfürstentums als auch das gesamte Heer anführte. Wenn man den Berichten Długosz glauben darf, stand Vytautas während der gesamten Schlacht an der Spitze des Heeres. Jogaila hatte mit der Führung des polnischen Heeres Zbigniew von Brzezie (Eikfier) und Zindram von Maszkowic übertragen. Vytautas standen Jogailas Bruder Lingven und andere zur Seite.

Der Strategie von Jogaila und Vytautas zufolge sollte die Initiative immer vom eigenen Heer ausgehen. Ziel war vermutlich die Zerstörung der Hauptstadt des Ordens, Marienburg, und die Zerschlagung der wichtigsten Kräfte des Ordens auf dem Weg dorthin. Dieser Plan wurde im Dezember 1409 in Brest beschlossen und kann als Glanzleistung strategischer Planung im Mittelalter betrachtet werden.

Im dritten Kapitel „Kriegszug von Vilnius und Wolbórz nach Marienburg“ orientiert sich der Verfasser an den Berichten von Długosz. Die Marschroute des Heeres war geheim. Selbst als das Heer bereits an den Flüssen Bebra und Narew stand, wurde Hochmeister Ulrich mitgeteilt, mit einem Angriff sei bei Osterode zu rechnen. Das heißt, der Orden ging bis zuletzt nicht von einem gemeinsamen Kriegszug Polens und Litauens aus, weshalb er seine Kräfte teilte.

Der Verfasser bezweifelt, daß der Krieg zu verhindern gewesen sei, selbst wenn der Orden zugunsten Litauens auf Žemaitija und zugunsten Polens auf Dobrzyń verzichtet hätte. Daran dachte der selbstbewußte Hochmeister Ulrich auch sicher zu keinem Zeitpunkt, obwohl ungarische Abgesandte noch versuchten, den Zusammenstoß zu vermeiden.

Der Verfasser glaubt, daß es richtig war, das Flüßchen Drwęca (Drewenz) zu umgehen und den Ordensrittern bei Kauernik auszuweichen, da hier große Verluste zu befürchten gewesen wären. Beide Heere trafen stattdessen nach einem Nachtmarsch zwischen den Siedlungen Grunwald, Tannenberg, Ludwigedorf und Grundwald aufeinander. Jogaila zögerte den Beginn der Schlacht aus taktischen Gründen etwas heraus. Er kannte Vytautas’ Pläne und wartete, bis die Hauptkräfte des Ordens auf dem Schlachtfeld eingetroffen waren. Der Orden änderte seinen Schlachtplan und ging mit der linken Flanke unter Friedrich Wallenrod zum Angriff über, was der Taktik des polnisch-litauischen Heeres entsprach. Nach einstündiger erbitterter Schlacht zog sich ein Teil des Heeres von Vytautas vom Schlachtfeld zurück. Der Verfasser glaubt (wie auch Kujot, Majewski und Ekdahl), daß es sich nicht um einen erzwungenen Rückzug oder eine Flucht handelte, wie sie Długosz so malerisch beschrieb und die von Kuczyński als Tragödie bezeichnet wurde, sondern um ein geplantes Manöver mit dem Ziel: die Linien des Ordens in Unordnung zu bringen und aus dem Kampffeld herauszuführen. Die Ordensritter glaubten tatsächlich an einen Rückzug Vytautas und nahmen die Verfolgung auf.

Diese These wird folgendermaßen belegt:

1. Posilge berichtet, die Heiden (heydin) seien zurückgeschlagen worden (weggeslogin), und der „Cronica conflictus“ ist zu entnehmen, sie seien zum Rückzug gezwungen worden. Von einer massenhaften Flucht ist hier nicht die Rede. Die Quellen schildern die Flucht der Ordensritter am Ende der Schlacht aber mit ganz anderen Worten wie zum Beispiel „realer Flucht“ („in fugom realem conversi“). Jogaila verbot, dem fliehenden Gegner nachzujagen, um das eigene Heer nicht zu zerstreuen.

2. Posilge spricht den Heiden am Ende der Schlacht die Hauptrolle bei der Zerschlagung der Ordenskräfte zu. Im kritischen Moment hätten die Gäste des polnischen Heeres die tschechischen Söldner des Ordens von der Flanke her angegriffen („des quomen syne geste und soldener uf dy syte“). Die Heiden umkreisten die Söldner, erschlugen den Hochmeister und Großgebietiger sowie viele Ordensbrüder („dy heydin uft dy ander und umgobin sy, und slugin den meister und grostin gebiteger und gor vil bruder des Ordens alle tot“).

3. Ein unbekannter hoher Gast schrieb einen Brief (vermutlich im Jahre 1413) an den Magister von Plauen, in dem er sich dazu äußert, daß es in Zukunft nicht sinnvoll sei, den Gegner beim Rückzug zu verfolgen, solange man nicht von seiner Niederlage überzeugt sei, weil durch den Rückzug des Heeres möglicherweise die Reihen des Verfolgers durcheinandergebracht werden sollten. Dies war eine direkte Anspielung auf das Manöver des Heeres von Vytautas. Der Großteil des Heeres setzte seinen Zug fort und beteiligte sich an der Belagerung von Marienburg (25. Juli 1410). Durch die Kämpfe und durch Epidemien gingen über die Hälfte des Heeres verloren.

Die Sieger hatten, glaubt man Długosz, ihre Einflußsphären bereits abgesteckt. Polen sollte Pommern mit Gdańsk (Danzig), Chełmo (Culm) sowie Michałów und natürlich Dobrzyń erhalten, Litauen Žemaitija und möglicherweise Ostpreußen. Dazu wäre allerdings ein absoluter Sieg erforderlich gewesen, der nicht zustande kam.

Der Verfasser weist die Annahme von Długosz zurück, wonach Polen und Litauen jeweils nur ihre eigenen Ansprüche gegenüber dem Orden durchsetzen wollten. Statt dessen sei davon auszugehen, daß zwischen Polen und Litauen keinerlei Interessengegensätze bestanden hätten.

Der Sieg bei Tannenberg wurde nicht völlig ausgenutzt. Die Gründe dafür sind, daß 1) die Hauptstadt des Ordens nicht eingenommen wurde, 2) der Magister von Plauen militärisch und diplomatisch sehr aktiv handelte, 3) der größte Teil des polnisch-litauischen Heeres Ostpreußen verließ und in den eroberten Burgen nur kleine Reste blieben, 4) viele Festungen und Städte vom Orden zurückerobert werden konnten und 5) Papst und Kaiser den Orden unterstützten.

Der Verfasser glaubt, daß die Mißerfolge des polnisch-litauisches Heeres nach der Schlacht bei Tannenberg durch den langsamen Zug auf Marienburg (100 km in 10 Tagen) und den Wunsch bedingt waren, unterwegs Burgen und Städte einzunehmen. Die Schatzkammer des polnischen Königs war leer, und er war nicht in der Lage, Söldner anzuwerben. Dem Orden war es gelungen, trotz seiner Niederlage große Werte ins Ausland zu schaffen. Die Fortsetzung des Kriegs war für Polen und Litauen also ungünstig. Deshalb fielen die Bedingungen des Ersten Thorner Friedens am 1. Februar 1411 für den Orden nicht so negativ aus, wie sie nach dem Sieg bei Tannenberg hätten sein können. Litauen gewann Žemaitija zurück, was das wichtigste territoriale Ergebnis des Sieges war.

Im vierten Kapitel „Der König hat recht“ geht es um die ideologischen Auseinandersetzungen während des Krieges und kurz nach dem Sieg von Tannenberg. Der Hochmeister des Ordens orientierte sich an den Dogmen von Kirche und Reich, also an der Zwangsmission der Heiden. Diese Doktrin ermöglichte es, den Krieg gegen die Heiden zu rechtfertigen und ihr Land zu besetzen. Diese Theorie erlitt auf dem Konstanzer Konzil (1414–1418) zum ersten Mal eine Niederlage. Polnische Rechtsgelehrte, besonders Pawel Wlodkowic, der sich auf die Thesen italienischer Theologen zum Zivil- und Naturrecht stützte, widerlegten die Bullen von Päpsten und Kaisern, nach denen das heidnische Land dem Orden geschenkt worden sei.

Die Idee der polnischen Rechtsgelehrten, von der Zwangsmission der Heiden abzusehen und statt dessen den christlichen Glauben auf friedlichem Weg zu verbreiten, fand Zustimmung. Dies stand der traditionellen europäischen Auffassung von der Notwendigkeit der Heidenmission auch mit Gewalt entgegen. Hauptziel der polnischen Argumentation war, die Besetzung der vom Orden eroberten Gebiete rückgängig zu machen und zu zeigen, daß der polnische König in der Auseinandersetzung mit dem Orden im Recht war. Es gab auch Stimmen, die die aufkommende litauische Kultur verteidigten.

Im Schlußkapitel stellt der Autor eine Liste der ökonomischen, politischen, militärischen und ideologischen Verluste des Ordens zusammen.

Auf politischem Gebiet eröffnete Tannenberg den Weg zur allmählichen Auflösung des Ordens und zum Ende der Expansion nach Osten. Es vergingen noch mehr als hundert Jahre, bis der Orden völlig in polnische Lehnsabhängigkeit geriet, wodurch Polen schließlich eine zentrale Rolle in der baltischen Region zufiel.

Tannenberg hat auch die innere Struktur des Ordens verändert. Seine wirtschaftliche und finanzielle Situation verschlechterte sich, der internationale Handel ging nach dem Niedergang der Hanse zurück, und es entstanden Widersprüche innerhalb der Gesellschaft.

Auch auf ideologischem Gebiet war der Orden schwer angeschlagen, denn auf dem Konstanzer Konzil wurden Polen und Litauen nicht, wie der Orden gehofft hatte, verurteilt. Die Heidenmission durch Gewalt verlor ihre Legitimation, Papst und Kaiser wurden die als natürlich angesehenen Ansprüche auf heidnisches Land abgesprochen. Die Idee der Zwangsbekehrung wurde endgültig aufgegeben, was auch das Existenzrecht des Ordensstaates in Frage stellte und das Kräfteverhältnis zwischen dem Orden und dem polnischlitauischen Staat grundlegend verschob.

 
 
 
 
 
Zusammenfassung aus dem Buch:

Jučas, Mečislovas. Žalgirio mūšis. – Pataisytas ir papildytas leidimas, Vilnius: Baltos lankos, 1999, S. 305–312.

 

 

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