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Tomas Baranauskas




Aufständische des Jahres 1923 retteten Memel (Klaipėda) von der Vernichtung

Der 15. Januar wird als der Tag Memels gefeiert. An diesem Tag im Jahr 1923 haben Aufständische, unterstützt von Litauen, die Stadt Memel besetzt, das von Frankreich vorübergehend verwaltet wurde, und die Stadt wurde Teil Litauens.

Die Ereignisse dieses Jahres lassen auch heute Leidenschaften hochgehen. Die Deutschen des Memelgebietes, die nach dem 2.ten Weltkrieg gezwungen wurden nach Deutschland umzusiedeln, und ihre Nachkommen halten den Aufstand im Jahr 1923 als Aggression Litauens, sie erkennen die Rechtmäßigkeit des Anschlusses nicht an und sind bis jetzt zornig auf Litauen. Schon allein der Begriff „Aufstand“ im Hinblick auf die damaligen Ereignissen halten sie für eine entsetzliche Fälschung. Dies unterstützen auch einige Geschichtsforscher Litauens mit die Behauptung, dass die Regie des „Aufstandes“ des Memelgebietes von Litauen geführt wurde und damit nicht als Aufstand genannt werden kann. Dieses Ereignis wird zum ähnlich verlaufenem „Aufstand“ des Żeligowski im Vilnius danebengestellt, in dessen Folge Polen Vilnius okkupiert hat. Wie war es wirklich?

Nachdem Deutschland den 1.ten Weltkrieg verloren hat, wurde im Versailler Vertrag das Memelgebiet von Deutschland getrennt und vorübergehend unter der Verwaltung Frankreichs gestellt. Während der Verhandlung wurde die Trennung des Memelgebietes damit motiviert, dass die Mehrheit der Bevölkerung hier nicht Deutsche, sondern Litauer seien. Dieses wurde aber weniger zum Vorteil Litauens, sondern Polens gemacht. Die damaligen Politiker Polens hatten sich noch nicht von den Gedanken trennen können, den Staat Polen in den Grenzen der Republik beider Völker zu bilden. Frankreich unterstützte Polen. Über das Schicksal des Memelgebietes sollte dann entschieden werden, sobald der rechtliche Status Litauens geklärt sein wird. Sollte Litauen eine Föderation mit Polen bilden, würden keine Schwierigkeiten beim Anschluss von Memel an Litauen auftreten. Für Litauen wurde somit Memel zu einem Mittel der Erpressung.

Die litauischen Aktivisten des Memelgebietes waren schon früher für die Vereinigung von Kleinlitauen oder wenigsten des Memelgebietes mit Litauen eingetreten. Am 30. November 1918 hat der Volksrat Preußisch-Litauens die Tilsiter Akte zur Vereinigung von Klein- und Großlitauen bekannt gemacht. Am 21. Februar 1921, 9 Tage nachdem die deutsche Armee das Memelgebiet verlassen hat, hat derselbe Rat angeregt, das Memelgebiet an Litauen anzuschließen, und schon eine Woche später wurden dessen Vertreter im Rat Litauens aufgenommen. Am 11. November 1921 hat das Parlament Litauens beschlossen, Memel durch Litauen einzuverleiben. Diesen Beschluss umzusetzen übernahm das am 22. Dezember 1922 gebildete Oberste Rettungskomitee Kleinlitauens, das dann am 9. Januar 1923 den Aufstand anfing und am 19. Januar 1923 die Deklaration über die Einverleibung des Memelgebietes an Litauen bekannt gab.

Kleinlitauen war zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich verdeutscht. Die einheimischen Litauer haben sich mit der Herrschaft der Deutschen eingelebt, machten sich über den materiellen Wohlstand eher Sorgen als um das nationale (es überwieg die Meinung, dass ein Anschluss an das ärmlichere Litauen die ökonomische Lage verschlechtern würde – diese Meinung verstärkte auch die Propaganda der im Land herrschenden Deutschen). Eine nationale Intelligenz war kaum vorhanden und ohne Einfluss. Die Religion in Kleinlitauen, hier das Luthertum, spielte eine zweideutige Rolle. Einerseits war das Netz der Grundschulen in Kleinlitauen seit alters her dichter als in Großlitauen und dementsprechend die Schreibfähigkeit höher. Aber die Litauer Kleinlitauens hatten kaum Ambitionen nach einer höheren Kultur, höherer Bildung zu streben, und falls sie den hatten, so sahen sie als einzigen Weg – das Angleichen an das Deutsche, das Verdeutschen, Verzicht auf die von den Deutschen verächtlich gesehenen „dörflichen litauischen“ Wurzeln. Am Ende des 19.ten Jahrhunderts gab es schon schriftkundige Litauer in Großlitauen und es war ein größeres Streben nach höherer Bildung vorhanden. Damals betrachtete der Bauer alles durch das religiöse Prisma. Der Litauer in Großlitauen war Katholik und sein wichtigstes Ziel war, vor allem nach Aufhebung der Leibeigenschaft, das wenigstens einer seiner Söhne eine Bildung bekam, und dann vielleicht am Ende ein Priester zu werden – der angesehenste Beruf, den ein reicher Bauer sich vorstellen konnte. Gerade solche Stimmungen und Erstaunen förderten die Bildung einer nationalen Intelligenz. Nicht jedes der in die Lehre geschickten Kinder erfüllten die Erwartungen ihrer Eltern: sie wurden nicht nur Priester, sondern auch weltliche Intelligenz, wobei sie dann nicht selten den Zorn ihrer Eltern auf sich zogen. Diese Bewegung bildete damit eine ergiebige geistige und weltliche Intelligenzschicht der Litauer.

Wie anders war in Kleinlitauen: das Ziel eine geistige Karriere aufzubauen war faktisch unerreichbar. Verzicht auf Zölibat im Luthertum führte zu Priesterdynastien. Die Söhne der Pastoren hatten mehr Möglichkeiten wieder Pastoren zu werden, anderen Menschen in diese Schicht einzudringen wurde schwer gemacht. Deshalb war diese Aktivität in Bezug auf eine höhere Ausbildung kleiner und die nationale Intelligenz zahlenmäßig schwach. Das Zölibat für die katholischen Priester, eingeführt im Mittelalter, wurde nicht nur zufällig als Mittel gegen die Feudalisierung der Kirche benutzt – erstrebt war die Verhinderung der Bildung von Priesterdynastien. Dieser demokratischer Zug der Katholischen Kirche hat sehr für die nationale Wiedergeburt der Litauer geholfen, und sein Fehlen schadete den Litauern in Kleinlitauen.

Unter diesen Umständen war das nationale Selbstbewusstsein der Litauer in Kleinlitauen schwach und die Elite des Volkes, die Intelligenz, glaubte nicht den Aufstand nur mit eigenen Kräften durchzuführen. Es wurde deshalb angestrebt alle Aktionen gemeinsam mit dem Litauischen Volk zu führen. Wollte man das schnelle Schwinden und Vernichtung des Litauertums in Kleinlitauen verhindern, war die Hilfe von Großlitauen notwendig. Deshalb sollte man nicht wundern, warum der Aufstand im Memelgebiet die Unterstützung aus Großlitauen benötigte.

Am 10. Januar 1923 überschritten Litauens Soldaten und Freiwillige die Grenze zum Memelgebiet und zogen zur Hilfe für den Aufstand, das vom Obersten Rettungskomitee Kleinlitauens erklärt wurde. Sie waren die Hauptkraft des Aufstandes. Genauer gesagt betrugen die Aufstandskräfte mit 1050 Personen aus Groß Litauen und 300 einheimischen Einwohnern.

Kann man diese Aktion als Aufstand bezeichnen? War die Einverleibung des Memelgebietes an Litauen legitim? Die letzte Frage ist gleichzusetzen mit: hat das litauische Volk das Recht zu existieren? Ohne diesen Aufstand wäre das Litauertum im Memelgebiet verschwunden. In diesem Kontext ist nicht so sehr wichtig, wie viele der einheimischen Litauer waren, die mit diesem Schicksal nicht einverstanden waren, sondern dass sie da waren und alles taten, um das Memelgebiet an Litauen anzuschließen. Man kann sagen, dass alles von der Litauischen Regierung in Kaunas organisiert war, aber wenn man so sagt, geht aus dem Blick der Umstand verloren, der anzeigt wer die Politik der Litauischen Regierung so steuerte, wer strebte danach, dass sie so handelte wie sie es getan hat. Eine nicht geringe Rolle spielten hier die zur nationalen Einsicht gekommenen Aktivisten Kleinlitauens, die Intelligenz der Kleinlitauer (Lietuvininkai), die sich im Volksrat Preußisch-Litauens und im Obersten Rettungskomitee Kleinlitauens versammelt hatten. Der Aufstand im Memelgebiet wurde organisiert vom ganzen litauischen Volk, ohne Ausnahme auch von den Kleinlitauern. Ob das gut oder schlecht ist, hängt von der Werteskala des Urteilenden ab – vor allem davon ab, ob das Recht des litauischen Volkes am Leben zu bleiben als Wert betrachtet wird, oder dieses überhaupt anerkennt...

Die Einverleibung Memels durch Litauen im Jahr 1923 wird nach dem Verständnis der deutschen Revanchisten auch noch heute als widderrechtliche Annexion betrachtet, die von Hitler durchgeführte Eroberung des Memelgebietes im Jahr 1939 als Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Sie ignoriert den Umstand, dass die Einverleibung durch Litauen kurze Zeit danach von der internationalen Gemeinde anerkannt wurde, darunter, wie bekannt, auch von den Staaten der Entente, die nach dem Versailler Friedensvertrag das Gebiet verwaltet haben, und selbst von Deutschland, die sogar die Aktion Litauens unterstützte (freilich, insgeheim hoffte man Memel später von dem schwachen Litauen wieder wegzunehmen). Im am 29. Januar 1928 unterzeichneten Grenzvertrag zwischen Litauen und Deutschland wird das Memelgebiet als zugehörig zu Litauen anerkannt. Somit ist die Rechtsstellung des Memelgebietes, die Rechtmäßigkeit der Einverleibung durch Litauen kann nicht angezweifelt werden.

Der aggressive deutsche Nationalismus, der das Litauertum, das litauische Bewusstsein verachtete und vernichtete, fand endlich sein logisches Ende: es entwickelte sich zu einer der schrecklichsten Ideologie in der Weltgeschichte – zum Nazismus. Zum Nazi wurden auch die Mehrheit der Deutschen des Memelgebietes, die aktiv gegen den Staat Litauen tätig waren. Die durch diese Ideologie ausgelöste Psychose war verhängnisvoll nicht nur den Völkern, gegen die sie gerichtet war, sondern auch selbst dem deutschen Volk.

Nach dem 2.ten Weltkrieg, das von den Nazis ausgelöst wurde, verlor Deutschland ein Drittel seines Territoriums. Nicht nur Deutschland, sondern auch dem deutschen Volk – in den ehemaligen deutschen Gebieten blieben keine Deutsche, sie wurden aus diesen Ländern vertrieben – das kam gleich wie eine Völkerwanderung. Ein großer Teil der von den Deutschen „gesäuberten“ Ländern ging an Polen, der nördliche Teil Ostpreußens an Russland, das keine Gemeinsamkeiten mit dem Land hatte, über. Das Memelgebiet kam zurück nach Litauen.

Dieses wäre nicht geschehen, wenn der Präzedenzfall im Jahr 1923 mit dem Aufstand im Memelgebiet und dessen Abhängigkeit von der litauischen Regierung nicht gewesen wäre. Heute wäre dann das Memelgebiet ein integraler Teil des Kaliningrader Gebietes Russlands. Die russischen Chauvinisten stellen auch heute nicht selten die Lage so dar, dass Litauen zu Unrecht über Memel regiert, und es seien die Russen, die „rechtmäßig“ das Land erobert haben und es deshalb zu Russland gehöre. Man kann sagen, dass der Aufstand vom 1923 die vollständige Vernichtung wenigsten eines kleinen Restes von Kleinlitauen gerettet hat, und das die aggressiv wahnsinnige Ideologie, die in der 1.ten hälfte des 20.ten Jahrhunderts der Deutschen ergriffen hat, zur Vernichtung anfangs des Litauertums und danach auch des deutschen Volkes führte.

Übersetzung aus dem Litauischen.
Quelle: OMNI laikas, 15 01 2006.

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