Aufständische des Jahres 1923 retteten
Memel (Klaipėda) von der Vernichtung
Der 15. Januar wird als der Tag Memels gefeiert. An diesem Tag im Jahr 1923
haben Aufständische, unterstützt von Litauen, die Stadt Memel besetzt, das von
Frankreich vorübergehend verwaltet wurde, und die Stadt wurde Teil Litauens.
Die Ereignisse dieses Jahres lassen auch heute Leidenschaften hochgehen. Die
Deutschen des Memelgebietes, die nach dem 2.ten Weltkrieg gezwungen wurden nach
Deutschland umzusiedeln, und ihre Nachkommen halten den Aufstand im Jahr 1923
als Aggression Litauens, sie erkennen die Rechtmäßigkeit des Anschlusses nicht
an und sind bis jetzt zornig auf Litauen. Schon allein der Begriff „Aufstand“ im
Hinblick auf die damaligen Ereignissen halten sie für eine entsetzliche
Fälschung. Dies unterstützen auch einige Geschichtsforscher Litauens mit die
Behauptung, dass die Regie des „Aufstandes“ des Memelgebietes von Litauen
geführt wurde und damit nicht als Aufstand genannt werden kann. Dieses Ereignis
wird zum ähnlich verlaufenem „Aufstand“ des Żeligowski im Vilnius
danebengestellt, in dessen Folge Polen Vilnius okkupiert hat. Wie war es
wirklich? Nachdem Deutschland den 1.ten Weltkrieg verloren hat, wurde im Versailler
Vertrag das Memelgebiet von Deutschland getrennt und vorübergehend unter der
Verwaltung Frankreichs gestellt. Während der Verhandlung wurde die Trennung des
Memelgebietes damit motiviert, dass die Mehrheit der Bevölkerung hier nicht
Deutsche, sondern Litauer seien. Dieses wurde aber weniger zum Vorteil Litauens,
sondern Polens gemacht. Die damaligen Politiker Polens hatten sich noch nicht
von den Gedanken trennen können, den Staat Polen in den Grenzen der Republik
beider Völker zu bilden. Frankreich unterstützte Polen. Über das Schicksal des
Memelgebietes sollte dann entschieden werden, sobald der rechtliche Status
Litauens geklärt sein wird. Sollte Litauen eine Föderation mit Polen bilden,
würden keine Schwierigkeiten beim Anschluss von Memel an Litauen auftreten. Für
Litauen wurde somit Memel zu einem Mittel der Erpressung. Die litauischen Aktivisten des Memelgebietes waren schon früher für die
Vereinigung von Kleinlitauen oder wenigsten des Memelgebietes mit Litauen
eingetreten. Am 30. November 1918 hat der Volksrat Preußisch-Litauens die
Tilsiter Akte zur Vereinigung von Klein- und Großlitauen bekannt gemacht. Am 21.
Februar 1921, 9 Tage nachdem die deutsche Armee das Memelgebiet verlassen hat,
hat derselbe Rat angeregt, das Memelgebiet an Litauen anzuschließen, und schon
eine Woche später wurden dessen Vertreter im Rat Litauens aufgenommen. Am 11.
November 1921 hat das Parlament Litauens beschlossen, Memel durch Litauen
einzuverleiben. Diesen Beschluss umzusetzen übernahm das am 22. Dezember 1922
gebildete Oberste Rettungskomitee Kleinlitauens, das dann am 9. Januar 1923 den
Aufstand anfing und am 19. Januar 1923 die Deklaration über die Einverleibung
des Memelgebietes an Litauen bekannt gab. Kleinlitauen war zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich verdeutscht. Die
einheimischen Litauer haben sich mit der Herrschaft der Deutschen eingelebt,
machten sich über den materiellen Wohlstand eher Sorgen als um das nationale (es
überwieg die Meinung, dass ein Anschluss an das ärmlichere Litauen die
ökonomische Lage verschlechtern würde – diese Meinung verstärkte auch die
Propaganda der im Land herrschenden Deutschen). Eine nationale Intelligenz war
kaum vorhanden und ohne Einfluss. Die Religion in Kleinlitauen, hier das
Luthertum, spielte eine zweideutige Rolle. Einerseits war das Netz der
Grundschulen in Kleinlitauen seit alters her dichter als in Großlitauen und
dementsprechend die Schreibfähigkeit höher. Aber die Litauer Kleinlitauens
hatten kaum Ambitionen nach einer höheren Kultur, höherer Bildung zu streben,
und falls sie den hatten, so sahen sie als einzigen Weg – das Angleichen an das
Deutsche, das Verdeutschen, Verzicht auf die von den Deutschen verächtlich
gesehenen „dörflichen litauischen“ Wurzeln. Am Ende des 19.ten Jahrhunderts gab
es schon schriftkundige Litauer in Großlitauen und es war ein größeres Streben
nach höherer Bildung vorhanden. Damals betrachtete der Bauer alles durch das
religiöse Prisma. Der Litauer in Großlitauen war Katholik und sein wichtigstes
Ziel war, vor allem nach Aufhebung der Leibeigenschaft, das wenigstens einer
seiner Söhne eine Bildung bekam, und dann vielleicht am Ende ein Priester zu
werden – der angesehenste Beruf, den ein reicher Bauer sich vorstellen konnte.
Gerade solche Stimmungen und Erstaunen förderten die Bildung einer nationalen
Intelligenz. Nicht jedes der in die Lehre geschickten Kinder erfüllten die
Erwartungen ihrer Eltern: sie wurden nicht nur Priester, sondern auch weltliche
Intelligenz, wobei sie dann nicht selten den Zorn ihrer Eltern auf sich zogen.
Diese Bewegung bildete damit eine ergiebige geistige und weltliche
Intelligenzschicht der Litauer. Wie anders war in Kleinlitauen: das Ziel eine geistige Karriere aufzubauen war
faktisch unerreichbar. Verzicht auf Zölibat im Luthertum führte zu
Priesterdynastien. Die Söhne der Pastoren hatten mehr Möglichkeiten wieder
Pastoren zu werden, anderen Menschen in diese Schicht einzudringen wurde schwer
gemacht. Deshalb war diese Aktivität in Bezug auf eine höhere Ausbildung kleiner
und die nationale Intelligenz zahlenmäßig schwach. Das Zölibat für die
katholischen Priester, eingeführt im Mittelalter, wurde nicht nur zufällig als
Mittel gegen die Feudalisierung der Kirche benutzt – erstrebt war die
Verhinderung der Bildung von Priesterdynastien. Dieser demokratischer Zug der
Katholischen Kirche hat sehr für die nationale Wiedergeburt der Litauer geholfen,
und sein Fehlen schadete den Litauern in Kleinlitauen. Unter diesen Umständen war das nationale Selbstbewusstsein der Litauer in
Kleinlitauen schwach und die Elite des Volkes, die Intelligenz, glaubte nicht
den Aufstand nur mit eigenen Kräften durchzuführen. Es wurde deshalb angestrebt
alle Aktionen gemeinsam mit dem Litauischen Volk zu führen. Wollte man das
schnelle Schwinden und Vernichtung des Litauertums in Kleinlitauen verhindern,
war die Hilfe von Großlitauen notwendig. Deshalb sollte man nicht wundern, warum
der Aufstand im Memelgebiet die Unterstützung aus Großlitauen benötigte. Am 10. Januar 1923 überschritten Litauens Soldaten und Freiwillige die Grenze
zum Memelgebiet und zogen zur Hilfe für den Aufstand, das vom Obersten
Rettungskomitee Kleinlitauens erklärt wurde. Sie waren die Hauptkraft des
Aufstandes. Genauer gesagt betrugen die Aufstandskräfte mit 1050 Personen aus
Groß Litauen und 300 einheimischen Einwohnern. Kann man diese Aktion als Aufstand bezeichnen? War die Einverleibung des
Memelgebietes an Litauen legitim? Die letzte Frage ist gleichzusetzen mit: hat
das litauische Volk das Recht zu existieren? Ohne diesen Aufstand wäre das
Litauertum im Memelgebiet verschwunden. In diesem Kontext ist nicht so sehr
wichtig, wie viele der einheimischen Litauer waren, die mit diesem Schicksal
nicht einverstanden waren, sondern dass sie da waren und alles taten, um das
Memelgebiet an Litauen anzuschließen. Man kann sagen, dass alles von der
Litauischen Regierung in Kaunas organisiert war, aber wenn man so sagt, geht aus
dem Blick der Umstand verloren, der anzeigt wer die Politik der Litauischen
Regierung so steuerte, wer strebte danach, dass sie so handelte wie sie es getan
hat. Eine nicht geringe Rolle spielten hier die zur nationalen Einsicht
gekommenen Aktivisten Kleinlitauens, die Intelligenz der Kleinlitauer
(Lietuvininkai), die sich im Volksrat Preußisch-Litauens und im Obersten
Rettungskomitee Kleinlitauens versammelt hatten. Der Aufstand im Memelgebiet
wurde organisiert vom ganzen litauischen Volk, ohne Ausnahme auch von den
Kleinlitauern. Ob das gut oder schlecht ist, hängt von der Werteskala des
Urteilenden ab – vor allem davon ab, ob das Recht des litauischen Volkes am
Leben zu bleiben als Wert betrachtet wird, oder dieses überhaupt anerkennt... Die Einverleibung Memels durch Litauen im Jahr 1923 wird nach dem Verständnis
der deutschen Revanchisten auch noch heute als widderrechtliche Annexion
betrachtet, die von Hitler durchgeführte Eroberung des Memelgebietes im Jahr
1939 als Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Sie ignoriert den Umstand, dass
die Einverleibung durch Litauen kurze Zeit danach von der internationalen
Gemeinde anerkannt wurde, darunter, wie bekannt, auch von den Staaten der
Entente, die nach dem Versailler Friedensvertrag das Gebiet verwaltet haben, und
selbst von Deutschland, die sogar die Aktion Litauens unterstützte (freilich,
insgeheim hoffte man Memel später von dem schwachen Litauen wieder wegzunehmen).
Im am 29. Januar 1928 unterzeichneten Grenzvertrag zwischen Litauen und
Deutschland wird das Memelgebiet als zugehörig zu Litauen anerkannt. Somit ist
die Rechtsstellung des Memelgebietes, die Rechtmäßigkeit der Einverleibung durch
Litauen kann nicht angezweifelt werden. Der aggressive deutsche Nationalismus, der das Litauertum, das litauische
Bewusstsein verachtete und vernichtete, fand endlich sein logisches Ende: es
entwickelte sich zu einer der schrecklichsten Ideologie in der Weltgeschichte –
zum Nazismus. Zum Nazi wurden auch die Mehrheit der Deutschen des Memelgebietes,
die aktiv gegen den Staat Litauen tätig waren. Die durch diese Ideologie
ausgelöste Psychose war verhängnisvoll nicht nur den Völkern, gegen die sie
gerichtet war, sondern auch selbst dem deutschen Volk. Nach dem 2.ten Weltkrieg, das von den Nazis ausgelöst wurde, verlor Deutschland
ein Drittel seines Territoriums. Nicht nur Deutschland, sondern auch dem
deutschen Volk – in den ehemaligen deutschen Gebieten blieben keine Deutsche,
sie wurden aus diesen Ländern vertrieben – das kam gleich wie eine
Völkerwanderung. Ein großer Teil der von den Deutschen „gesäuberten“ Ländern
ging an Polen, der nördliche Teil Ostpreußens an Russland, das keine
Gemeinsamkeiten mit dem Land hatte, über. Das Memelgebiet kam zurück nach
Litauen. Dieses wäre nicht geschehen, wenn der Präzedenzfall im Jahr 1923 mit dem
Aufstand im Memelgebiet und dessen Abhängigkeit von der litauischen Regierung
nicht gewesen wäre. Heute wäre dann das Memelgebiet ein integraler Teil des
Kaliningrader Gebietes Russlands. Die russischen Chauvinisten stellen auch heute
nicht selten die Lage so dar, dass Litauen zu Unrecht über Memel regiert, und es
seien die Russen, die „rechtmäßig“ das Land erobert haben und es deshalb zu
Russland gehöre. Man kann sagen, dass der Aufstand vom 1923 die vollständige
Vernichtung wenigsten eines kleinen Restes von Kleinlitauen gerettet hat, und
das die aggressiv wahnsinnige Ideologie, die in der 1.ten hälfte des 20.ten
Jahrhunderts der Deutschen ergriffen hat, zur Vernichtung anfangs des
Litauertums und danach auch des deutschen Volkes führte.
Übersetzung aus dem Litauischen.
Quelle:
OMNI laikas, 15 01 2006. <<< Zurück zu Materialen
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