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Vilius Pėteraitis




DIE ORTSNAMEN VON
KLEINLITAUEN UND TWANKSTA

Ihre Herkunft und Bedeutung

VORWORT

Das Werk Die Ortsnamen von Kleinlitauen und Twanksta behandelt die Ortsnamen des gesamten historischen Kleinlitauen von Memel im Norden bis Goldapp im Süden und von Labiau im Westen bis zur litauischen Grenze im Osten; es schließt ebenfalls Twanksta ein, daß heißt, Samland, Notangen und die nördlichen Teile von Barten und Warmien, kurz, das gesamte heutige Kaliningrader Gebiet, darüberhinaus die von Polen verwaltete Umgebung von Goldapp und das frühere Memelgebiet.

Einen wesentlichen Teil des Buches nimmt das etymologische Wörterbuch der Ortsnamen ein, in welchem mehr als 4000 baltischen Ortsnamen, meistens preußischen, litauischen und kurischen Ursprungs, besprochen werden.

Das Verzeichnis der deutschen und sowjetischen (russischen) Ortsnamen am Ende des Buches wird den Litauern sowie den Deutschen, denen die alten Benennungen nicht mehr erinnerlich sind, nützlich sein, desgleichen auch den Russen, die über die Geschichte der von ihnen gebrauchten Namen unterrichtet sein wollen.

In der Analyse wird der Ursprung der Ortsnamen untersucht, sei er durch die Umgebung, die Bewohner, durch die eigene oder eine fremde Sprache bedingt. Die Veränderungen der Ortsnamen durch die bodenständige Bevölkerung oder fremde Einwirkung werden beschrieben. Im Vorbeigehen wird auf das Alter der Ortsnamen und auf ihren Beitrag zur Geschichte der Preußen und Litauer hingewiesen.

Die Ortsnamen habe ich den mir zugänglichen Quellen, die am Anfang des Buches verzeichnet sind, entnommen. Von einer besonderen Bedeutung unter diesen sind die aus dem Munde der Bevölkerung aufgeschriebenen Namen der Wohnorte Kleinlitauens durch V. Kalvaitis, die durch G. Gerullis aus alten Dokumenten abgeschriebenen baltischen Namen aus Twanksta und die von J. F. Goldbeck im Jahre 1785 verzeichneten Namen der kleinlitauischen Ansiedlungen und Einzelgehöfte. Außerdem benutzte ich meine durch Jahrzehnte gesammelte Kartothek der Ortsnamen.

Die Ortsnamen von Kleinlitauen sind durchaus litauisch, ihre Formen blieben als solche erhalten und werden so geschrieben. Die Ortsnamen von Twanksta sind preußischen Ursprungs; ihre originalen Formen sind dem Litauischen sehr ähnlich und werden hier ebenfalls litauisch wiedergegeben. In Kleinlitauen sind für manche Ortschaften zwei oder mehrere Namen bekannt. Im Wortverzeichnis werden sie als Dubletten vermerkt. Die beste Form wird nicht unbedingt an erster Stelle angegeben. Das etymologische Wörterbuch enthält auch deutsche Entsprechungen, ebenfalls nazistische und sowjetische Ersatznamen.

Warum ist ein solches Werk erforderlich? Erstens, weil wir über kein umfassendes und gültiges Verzeichnis und kein Wörterbuch der Ortsnamenformen von Kleinlitauen und Twanksta verfügen. Die Namensammlung von V. Kalvaitis ist schon veraltet, außerdem beschränkt sie sich allein auf Kleinlitauen. Zweitens, durch Untersuchung des Ursprungs und der Bedeutung der Ortsnamen wird es unbestreitbar klar, daß das Gebiet baltisch war, und zwar seit der Steinzeit von den Ahnen der Preußen, Litauer und Kuren besiedelt, deren Nachkommen dort bis zur Vernichtung oder Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Beginn der sowjetischen Okkupation seßhaft waren. Ohne Kenntnis der Geschichte der Ortsnamen von Kleinlitauen und Twanksta und ohne ein maßgebendes Namenverzeichnis oder ein Wörterbuch wäre man außerdem gezwungen, allerhand Verzerrungen und deutsche Verstümmelungen, wie Zielkeim, oder Cylkaimis, bei Bedarf als bare Münze hinzunehmen.

Es genügt nicht, allein durch Wortähnlichkeit die litauischen Formen wiederherzustellen, man muß sich auf früher bezeugte Nebenformen stützen können. Durch die Vertiefung in die Geschichte, in den Dialekt, durch Vertrautwerden mit der Bildung der Ortsnamen zu verschiedenen Zeiten werden die Ortsnamen sinnvoll und man kann viel aus ihnen erfahren. Sie waren und werden auf immer historische Quellen des Landes bleiben und die Okkupanten werden diese geschichtlichen Tatsachen nicht beseitigen oder hinwegfegen können.

Das Material gesammelt und das Manuskript angefertigt habe ich allein. Ohne Zweifel sind Unrichtigkeiten und Fehler eingeschlichen. Für die Anmerkungen werde ich Ihnen dankbar sein.

Meinen herzlichen Dank spreche ich meiner unermüdlichen Helferin Ieva Andruškevičius, die die Korrekturen mehrfach las und die Anhänge I und II anfertigte; Donaldas Giedrikas, der die oft schwer lesbare Handschrift mit dem Komputer transkribiert hat und meiner Frau, die für günstige Arbeitsbedingungen sorgte und mir mit wertvollen Ratschlägen zur Seite stand. Ebenfalls danke ich Jurgis Lukaitis für die deutsche Zusammenfassung der Analyse, sowie allen, die an der Bereitung und Verlegung dieses Werkes teilgenommen haben.

VILIUS PĖTERAITIS
Montreal, den 31. August 1995

 




D. ZUSAMMENFASSUNG DER ANALYSE

1. Ursprung der Ortsnamen

Ein ostpreußischer Ortsname (hier wird das nordöstliche Ostpreußen gemeint) kann unterschiedlichen Ursprungs sein; er kann vom Namen des örtlichen Flusses abgeleitet, durch die Physiographie des Ortes bedingt, von der Fauna und Flora beeinflußt worden sein oder die Kultivierung der Umgegend, den Beruf der Einwohner, ihre Religion, vielleicht den Eigennamen des ersten Ansiedlers widerspiegeln, oder er kann auch von einem anderen Orte hergebracht sein. In sprachlicher Hinsicht kann der Ortsname in der lokalen Sprache, d. h. in Kleinlitauen litauisch, in Twanksta preußisch, erscheinen oder er kann von einer benachbarten Sprache (wie preußisch und kurisch in Kleinlitauen und litauisch in Twanksta) beeinflußt worden sein. Gelegentlich können auch fremde Namen, deutschen Ursprungs oder aus Rußland hergebracht, auftauchen. Die Wortbildung als solche spielt auch eine Rolle: Es können primäre, unveränderte Wörter benutzt werden oder sekundäre, die durch Vor- und Nachsilben, Zusammenziehungen oder Zusammenstellungen abgeändert worden sind.

Da diese (deutsche) Zusammenfassung nicht die zahlreichen Beispiele und Listen der Ortsnamen wiederholen kann, jedoch ohne sie die Fülle der Belege nicht wiedergegeben werden kann, wird in ihr nur jeweils ein Beispiel der behandelten Namen angegeben und dann auf die entsprechende Seite des litauischen Originals, wo die besprochenen vollständigen Verzeichnisse der Ortsnamen zu finden sind, verwiesen, da diese auch dem des Litauischen nicht kundigen Leser verständlich sein dürften.

An erster Stelle stehen:

1) Ortsnamen, die sich von der Bezeichnung der Gewässer ableiten. Wie der Verfasser in seinem Buch Kleinlitauen und Twanksta in den vorbaltischen, vorlitauischen und kleinlitauischen Epochen ausführt, bilden die Gewässerbenennungen die älteste Schicht des Namenregisters des Landes. Sie sind baltischen Ursprungs und zeugen davon, daß seit der Steinzeit ununterbrochen bis zum zweiten Weltkrieg die Balten-Preußen und die Vorfahren der Litauer im Lande seßhalt waren. Man findet in Kleinlitauen insgesamt 416 Ortsnamen, die sich von Gewässernamen ableiten lassen. Diese wichtigste Gruppe der Ortsnamen nimmt ganze 8 Seiten von Namenverzeichnissen ein und muß beim Durchsehen dieser kurzen Zusammenfassung zu Rate gezogen werden (Seiten 727–735). 19% der von Gewässernamen abgeleiteten Ortsnamen bleiben unverändert (Beispiel: Galdãpė „Goldapp“ von Galdãpė-Fluß); 29% wandeln den Gewässernamen durch Anhängen von Vorsilben um (Pãdeimiai „Padeimen“ von Deimė̃-Fluß); 27% benutzen verschiedene Nachsilben (-ava, -ėnai, -iškė usw.) zur Variation des Flußnamens (Stalupėnai „Stalupehnen“ von Stalupė-Fluß); 27% ändern den Namen durch verschiedene Endungen (-ė, -iai, -is, -os) um (Juodupiai „Joduppen“ von Juodupė); 7% der Ortsnamen werden durch Zusammensetzung des Flußnamens mit einem den Ort kennzeichnenden Wort, wie balà „Moor“, dvãras „Gut“, gãlas „Ende“, ẽžeras „See“, kiẽmas „Dorf“, laũkas „Feld“, rãgas „Hörn“, gebildet (Narpežeriai von Narpa-Fluß plus „ežeras“).

2) Physiographische Ortsnamen der Ortschaft (balà „Moor“, daubà „Tal“, gãlas „Ende“, kálnas „Berg“, laũkas „Feld“, aukštumà „Höhe“, žemumà „Niederung“, mólis „Lehm“ oder smėlis „Sand“) tragen zur Bildung des Namens bei hier wiederum durch Benutzung von Endungen, Vorsilben oder Nachsilben. Die Liste der physiographischen Ortsnamen findet sich auf den Seiten 735–738. Hier sind die Namen so geordnet, daß a) die mit verschiedenen der litauischen Wortbildung eigentümlichen Endungen versehenen die Ortschaft kennzeichnenden Wörter eine Gruppe bilden (Kūliaĩ aus kū̃lis „Stein“ plus eine die Mehrzahl andeutende Endung -ai) (S. 735–736); daß b) die die Ortschaft kennzeichnenden Wörter durch das Anhängen einer Nachsilbe eine weitere Namengruppe formen (Aukstučiai aus áukštas „hochgelegen“ plus eine die Diminutivmehrzahl andeutende Nachsilbe -učiai) (S. 736–737); daß c) in der nächsten Gruppe die Vorsilbe zur Namenformung dient (Ùžbaliai aus balà „Moor“ plus Vorsilbe už- „hinter“) (S. 737); endlich d) Namen, gebildet aus Wortzusammensetzungen, deren erster Wortteil aus der physiographischen Bezeichnung herkommt (Pūstlaukiai aus pū̃stas „unbebaut“ plus laũkas „Feld“) oder deren zweiter Wortteil physiographisch ist (Katplikiai aus plikė „Glatze“, „nur für die Katze taugliche grasarme Wiese“) (S. 738).

3) Ortsnamen, abgeleitet von der Flora: aksnis „Erle“, ą́žuolas „Eiche“, béržas „Birke“, ẽglė „Tanne“, klẽvas „Ahorn“, lazdýnas „Haselnußstrauch“ sowie giriàWald“, šìlas „Heide“, pušýnas „Fichtenwald“ und ähnliche Wörter, abgewandelt durch a) besondere Endungen; b) Vorsilben; c) Nachsilben; d) Zusammensetzung mit einem die Gegend charakterisierenden Wort, bilden weitere Gruppen von Ortsnamen (S. 738–740):

a) Alksniaĩ von aksnis „Erle“;
b) Pa-beržiai von pa-béržė „Ort unter der Birke“;
c) Drebulynai von drebulė „Espe“;
d) Absin-kaimis von preußischem abse „Espe“ plus káimas „Dorf“.

4) Ortsnamen, abgeleitet von der Fauna. Eine besondere Rolle spielen hier die Wörter, wie kìškis „Hase“, bríedis „Hirsch“, kiaũlė „Schwein“, kuĩnas „abgearbeitetes Pferd“, taũras „Auerochse“, vikas „Wolf“, žìrgas „Roß“, bìtė „Biene“, gu „Schwan“, skruzdė̃ „Ameise“, várna „Krähe“, tilvìkas „Wasserläufer“ und andere. Wiederum werden die Ortsnamen durch a) angehängte Endungen; b) Nachsilben und c) Zusammensetzungen mit anderen Wörtern gebildet (S. 740–742):

a) Kiškiaĩ von kìškis „Hase“;
b) Opšrū́tai von opšrùs „Dachs“;
c) Bried-baliai von bríedis „Hirsch“ und balà „Moor“.

5) Ortsnamen, die von der Kultivierung der Umgegend beeinflußt worden sind. Sie zeugen von der Kultivierungstätigkeit des Menschen, wie Waldrodung und Anbau und von Erzeugnissen seiner Hände. Būdà „Hütte“, ìšdaga „ausgebrannte Stätte“, ìšlaužas „Wald rodung“, kirtìmas „ausgelichteter Wald“, lýdimas „ausgeholztes Waldstück“, skýnimas „Rodung“, trãkas „Waldlichtung“ sowie dvãras „Gut“, káimas „Dorf“, kiẽmas „Hof“, soda „Gehöft“ und andere Wörter bieten sich zu einer langen Reihe von Ortsnamen an (S. 742–744), die in den gleichen Abwandlungen – mit Hilfe von a) Endungen; b) Vorsilben; c) Nachsilben; d) Zusammensetzungen – auftreten (S. 742–744):

a) Degėsiaĩ von degė̃sis „ausgebrannte Stelle“;
b) Per-tiltenikai aus per „über“ und tìltas „Brücke“;
c) Dvariškiai aus dvãras „Gutshof“ und Nachsilbe;
d) Traksėdžiai aus trãkas „Waldlichtung“ und sėdỹs „Ansiedler“.

6) Berufliche Ortsnamen. Der Beruf der ursprünglichen Einwohner spiegelt sich nicht selten im Ortsnamen wider, wie gir̃nkalis „Mühlsteinhauer“, kálvis „Schmied“, mū́rininkas „Maurer“, rãčius „Stellmacher“, varkalỹs „Messingarbeiter“. Die Berufe, verbunden mit Wald und Holzverarbeitung trifft man ebenfalls an: bū̃dininkas „Hüttler“, eglininkas „Tannenpflanzer“, giriniñkas „Förster“, trakiškis „Waldlichtungsbewohner“, ferner die Berufe, wie smalininkas „Teerhändler“, tiltininkas „Brückenbauer“, paũparis „Kleinhändler“. In manchen Fällen mag der Ortsname nicht vom Beruf, sondern vom Eigennamen des ursprünglichen Bewohners, der einen Beruf ausdrückt, abgeleitet sein (S. 744–745). Beispiel: Smaleniñkai von smaleniñkas „Teerhändler“.

7) Kultische Ortsnamen. In nicht wenigen Ortsnamen findet man Anklänge an die Religion der alten Litauer und ihre mythologische Welt durch die Wörter, wie kaũkas „gewinnbringender Hausgeist“, krìvis „Heidenpriester“, laũmė „tückischer Spinngeist“, Perkūnas „Donnergott“, Pakulis „Dämon der Unterwelt“, Patrimpas „Gott des Feldertrages“, Romava „heilige Stätte des Friedens“, Trimpa „Gott der Scholle“ usw. Nicht selten findet man auch die Silben šveñtas „heilig“ in den Namenbildungen (S. 745–746). Beispiel: Laumygarbis von laũmė „Spinngeist“ und garbis „Berg“.

8) Ortsnamen, abgeleitet von Eigennamen. Solche Ortsnamen sind sehr zahlreich, mehr als die Hälfte aller Ortsnamen in Kleinlitauen und Twanksta (dem Königsberger Gebiet) werden so gebildet. In Twanksta gab es Dorfnamen, die aus den ältesten Zeiten herstammen, da sie nach der Unterwerfung durch die Ritter nicht weiter verändert wurden. Im Gegensatz dazu war Kleinlitauen auch nach der Unterwerfung bis zur Schlacht von Tannenberg unaufhörlichen Kampfhandlungen und Zerstörungen ausgesetzt, und die Wiederbesiedelung begann erst im 15. Jahrhundert. Besonders im 16. Jahrhundert entstanden viele Einzelhöfe, deren Bewohner oft den neuen Siedlungen ihren Namen vererbten. In dieser Arbeit wird von einer ausführlichen Analyse der Eigennamen, für die ein weiteres Werk erforderlich wäre, abgesehen.

Die von Eigennamen hergeleiteten Ortsnamen können nach ihrer Bildung wie folgt eingeteilt werden: a) Namen mit einer Singularendung; b) Namen mit einer Pluralendung; c) Namen mit einer Nachsilbenanhängung; d) Namen mit Vorsilbenanhängung; e) zusammengesetzte Namen; f) aus zwei Wörtern bestehende Namen. Ferner werden noch lange Reihen von Ortsnamen, die von zusammengesetzten zweistämmigen Personennamen und solche, die von ungewöhnlichen Personennamen herkommen, vorgestellt (S. 746–754):

a) Aũlaukis von aũlaukis „Südwest“;
b) Laũksargiai von laũksargis „Feldwächter“;
c) Tor-avà vom preußischen Eigennamen Tor-im, lit. Tore;
d) Pa-šalteikiai vom Eigennamen Šalteĩkis;
e) Tolmìn-kiemis aus dem Eigennamen Tólminas und kiẽmas „Dorf“;
f) Radvil-Kinčiai aus Radvilas und Kinčius.

9) Ortsnamen, von anderen Ortsnamen abgeleitet. Diese benutzen: a) die Diminutiv form des ursprünglichen Namens oder b) verändern ihn mit einer bestimmten Vorsilbe (S. 754–755):

a) Auksin-ė̃liai von Auksìniai;
b) Pa-júodkrantė von Júodkrantė.

10) Ortsnamen, abgeleitet von Volksnamen. Hier findet man die meisten baltischen Volksstämme in irgendeiner Form im Ortsnamen vertreten, wie Bartai „Barten“, Galindai „Galinden“, Kuršiai „Kuren“, Leičiai (lettisch für) „Litauer“, Mozūrai „Masuren“, Prūsai „Preußen“, Skalviai „Schalauer“, Žemaičiai „Niederlitauer“ (S. 755).

11) Ortsnamen kurischen Ursprungs. Solche Namen findet man meistens um die Stadt Klaipėda (Memel), am Haff und auf der Nehrung, im Kreis Klaipėda (Memel) und im nördlichen Teil des Kreises Šilutė (Heydekrug). In Friedhöfen des Kreises Klaipėda (Memel) finden sicht zahlreiche Familiennamen, die sich gleichfalls in lettischen (und preußischen) Namenverzeichnissen finden und die wahrscheinlich kurischen Ursprungs sind, es sei denn, sie stammen aus der urbaltischen Zeit, als die baltischen Sprachen sich noch nicht merklich differenziert hatten. Man könnte daraus den Schluß ziehen, daß vor Zeiten längs der Ostsee und dem Kurischen Haff eine Mischbevölkerung aus Preußen, Litauern, Kuren und in jüngeren Jahrhunderten auch aus Letten gelebt hat. Ihre Familiennamen haben dann zur Bildung einer Reihe von Ortsnamen beigetragen (S. 756–757).

K. Būga glaubte, daß auch die Namen, wie Dãnė, Drẽverna, Eketė̃, Klaĩpėda, Mìnija, Nidà u. a. kurischen Ursprungs sind, jedoch sind diese Namen mit Gewässernamen verbunden und stammen eher aus der ältesten (undifferenzierten) baltischen Zeit. Die nach dem Eindringen der Deutschen in Pilsotas (Umkreis von Memel) in ihren Dokumenten genannten Ortsnamen Akitte, Danga, Drivene, Calaten, Memele, Minie und Sarde sind urbaltischen Ursprungs; Namen, wie Negelite, Pelliten, Suntelite sind schwer zu klassifizieren, doch weist die Endung -it- auf urbaltische (kurische und litauische) Herkunft.

Im Osten des Landes soll die in deutschen Beschreibungen häufig zitierte „Wildnis“ gewesen sein. Es sei jedoch darauf hingewiesen, daß das Wort „Wildnis“, das heutzutage unbewohntes Land, Wüste bedeutet, im 13. Jahrhundert auch die Bedeutung „unzugänglicher Wald“, in dem man jagen („wildern“) konnte, hatte und somit auch Eichenwald, Birkenwald, Tannenwald, Fichtenwald, Nadelwald, Laubwald oder einfach Waldgebiet bedeuten konnte. Tatsache ist, daß in dieser „Wildnis“ die Vorfahren der Kuren und Litauer ihre Wohnsitze hatten.

12) Kleinlitauische Ortsnamen preußischen Ursprungs. Kleinlitauen entspricht den historischen Ländern Nadrauen, Schalauen und Pilsotas, deren östliche Grenze durch den Vertrag von Melno 1422 festgesetzt wurde und deren westliche Grenze mit der westlichen Grenze Nadrauens zusammenfällt, d. h. entlang den Flüssen Deime und Pregel bis zur Alna, Auksinė und dem Ašvinis-See verläuft und von dort südöstlich die Grenze Litauens erreicht. Diese westliche Grenze des litauischen Sprachgebietes wurde durch den Königsberger Universitätsprofessor A. Bezzenberger erarbeitet, der als Prüfstein den zweiten Wortteil der zusammengesetzten Ortsnamen benutzte, d. h. die Namen mit -garbis, -kaimis und -ape waren ursprünglich preußisch, solche mit -kalnas, -kiemas und -upė litauischen Ursprungs. Andere deutsche und litauische Wissenschaftler stimmten dieser Grenzziehung zu, was auch viel früher die litauischen Großfürsten Algirdas und Kęstutis getan hatten. Da es sich nur um eine gedankliche Grenze handelte, konnten die preußischen Barten, Notanger und Samländer sowie die Litauer sich frei mit den Nachbarn mischen und sich in größeren oder kleineren Kontingenten in verschiedenen Teilen des Landes ansiedeln. So entstanden litauische Sprachinseln viel weiter westlich, wie in Šakiai, Galde, Königsberg, Angerapp und anderswo, desgleichen kam es zu preußischen Ansiedlungen im nördlichen Teil des Landes, obwohl der preußische Einfluß mit dem Aussterben der Preußen abnahm. So kommt es, daß die Ortsnamen in Kleinlitauen auch preußische Bildungen zeigen (Galdapė, Apšriūtai, Kauklaukiai, Palvlaukiai, Palnė, Ungura aus Angrapė, Kirsnupėnai, Apšermininkai) und, daß litauische Namen weiter westlich gefunden werden (Aukštupėnai, Stampelkiai, Ūdrabaliai, Linkėnai, Gauladai, Suopynai) (siehe S. 759–760).

13) Ortsnamen deutschen Ursprungs. Nach dem Eindringen der Deutschen entstehen deutsche Ortsnamen hauptsächlich in Twanksta (dem Gebiet von Königsberg), später auch in Kleinlitauen. Erst im 20. Jahrhundert beginnen sie unaufhaltsam, die litauischen Namen zu ersetzen (Liste auf S. 761).

14) Ortsnamen anderen Ursprungs. Nachlaß der Vikinger. Die Vikinger haben zu ihrer Zeit auch den Ufern von Kleinlitauen und Twanksta Besuche abgestattet. Das bezeugen zwei Gräberstätten, Viskiautai und Linkūnai. Die Funde in diesen Gegenden deuten darauf, daß dort Vikingerkolonien mit Tauschhandelmärkten existierten. In der Nachbarschaft von Viskiautai liegt Schwentlund. Der Name ist ein Hybrid aus dem baltischen šventas und dem schwedischen lund „Hain“. An den Vikingerbrauch der Bestattung der Seefahrer in Schiffen erinnert der Ortsname Irtekapinis, dessen erster Wortteil vom baltischen/litauischen Wort irti „rudern“, der zweite vom litauischen Wort kapinės „Begräbnisplatz“ herkommt.

15) Mißlungene Erklärungen der Ortsnamen. Vielfach ist durch „superkluge“ Menschen der voreilige Versuch gemacht worden, die Ortsnamen, deren Herkunft und Bedeutung nicht mehr ohne weiteres zugänglich ist, durch irgendein ähnlich klingendes Wort, unter Zuziehung von Volksweisheit, zu erklären. So wollten einige Piktupėnai aus piktas „böse“ und pienas „Milch“ ableiten, andere glaubten in Stalupėnai stalas „Tisch“ und pienas „Milch“ zu entdecken, Emil Sembritzki jedoch zog für diesen Ortsnamen staldas „Stall“ und penas „Futter“ vor. Demnach war „Stallfutter“ des Rätsels Lösung. Auf diese Weise wurde Darkiemis als „noch ein Dorf“ gedeutet (dar „noch“, kiemas „Dorf“).

Der aus Masuren stammende Emil Sembritzki hat in seinem Buch Slawen-Spuren auf deutschen Fluren, Litauisch-deutsche Orts- und Flurnamen, sich von der Volksweisheit nicht wenig an der Nase herumführen lassen. Eitkūnai bedeutet nach ihm einantis kūnas „der schreitende Körper“; Galtgarbiai: geltonas grabas „gelber Sarg“; Juknaičiai: besijuokiantis kaimas „das lachende Dorf“; Lazdėnai: vieta, kur lazda valdo „Ort, wo der Stock regiert“. Er hat in der Tat eine rege Phantasie gehabt.

In der Nazizeit wurde alles mit Gewalt auf den deutschen Leisten gezerrt. Südlich der Memel wurden viele der alten Namen durch deutsche ersetzt. H. A. Kurschat, dessen deutsche oder gar nazistische Gesinnung augenscheinlich ist, behauptet im Memeler Dampfboot (1969, Nr. 20), daß fast alle Ortsnamen des Memelgebietes deutschen oder wenigstens memelländischen Ursprungs seien. Dautzin-Niklaus (litauisch Laukžemiai) sei ein rein deutscher Name, weil „Daus ist das As im Kartenspiel“, das Gleiche treffe zu für den memelländischen Namen Dauskart. Jedoch Pech in beiden Fällen! Der erste Name kommt vom kurischen/lettischen Daucis „David“, der zweite ist der litauische Nachname Dauskartas (wie litauisch Dau-baras). Daß er sogar litauisch kannte, bezeugt die Erklärung des Ortsnamens Kepalai, deutsch Kepal-Klaus. Er meint, daß Kepal-Klaus vom deutschen Klaus Kuckel herkommen könnte, doch er ahnt nicht, daß Kuckel, obwohl in die deutsche Umgangssprache einbezogen, litauischen Ursprungs ist (kùkulis „Brotlaib“).

2. Veränderungen der Ortsnamen

1) Veränderungen in Twanksta und Kleinlitauen. Die Ortsnamen von Kleinlitauen und Twanksta erscheinen zum ersten Mal in den Quellen deutscher Eroberer nach dem Jahre 1240. Doch, wie das Ohr der Eindringlinge schlecht befähigt war, die preußisch-litauischen Laute recht aufzunehmen, so war auch ihre Zunge unbeholfen in der Aussprache der zum ersten Mal gehörten fremdartigen Worte, auch war ihre Schrift den neuen Lauten nicht angemessen, schon gar nicht zu reden von den Feinheiten der Aussprache, wie der der litauischen Sprache eigentümlichen Akzentintonation, dem musikalischen Akzent. Sogar in jüngerer Zeit war der Sprachwissenschaftler Prof. A. Schleicher nicht im Stande, die Subtilität der litauischen Betonungsintonation aufzunehmen. Es ist schon so, wie Friedrich Kurschat sagt: „Das fränkische Ohr ist wenig zur Aufnahme litauischer Laute geeignet“. So wurde schon vor der Unterwerfung von Kleinlitauen unser alter Nemunas von deutschen Händlern zu Memone verballhornt, später zu Memole und endlich zu Memel umgeändert. Der im Königsberger Gebiet 1261 bezeugte Ortsname Grindos „gedielter Boden“ verwandelte sich in Gründen. Andere früh bezeugte Ortsnamen, wie Iserwayn (Ysravejos „Weidenplätze an der Ysra“) verdeutschten sich zu Eiserwagen; Kattenplick (Katplikiai „schlechte Wiese“) zu Katzenblick; Sonnekaym (Šunkaimis „Hundedorf“) wurde zu Sonnigkeim; Trinte-kaym (Trintkaimis „Dorf des Trinte“) zu Trinkheim. Andere preußische Benennungen wurden radikal zu deutschen Wörtern ohne Beziehung zum alten Namen, zu den Bewohnern, dem Lande oder seiner Sprache umgeändert.

Der größte Teil der Ortsnamen des Königsberger Gebietes blieb im Stamm unverändert, nur die Endungen erfuhren eine Angleichung an den deutschen Sprachgebrauch. Die Regierungsschichten scheinten geglaubt zu haben, daß die Preußen germanischer Abstammung waren. Diese Meinung wurde selbst von den Nazis beibehalten. Ihre 1938 ernannte Kommission für die Revidierung der Ortsnamen veränderte keinen preußischen oder preußischer Herkunft verdächtigten Ortsnamen weder im Königsberger Gebiet noch in Kleinlitauen. Sogar der litauische Ortsname Perkūniškiai, möglicherweise preußischen Ursprungs, wurde als Perkunsfelde belassen.

Der Verfasser gibt Beispiele, die zeigen, daß manche litauische Ortsnamen, durch die deutsche Sprachweise merklich abgeändert wurde, zu neuen litauischen Formen der Ortsnamen geführt haben. Ferner zeigt er, daß manche litauische Namen als solche sich in deutschen Varianten erhalten haben, während sie im litauischen Gebrauch Änderungen erfuhren (S. 766).

2) Die Verdeutschung der Ortsnamen. Die „bäurischen“ litauischen Ortsnamen waren nicht nach dem Geschmack der feinen Gutsherren und stolzen Staatsbeamten. So bewirkte der Gutsherr von Žemgrindžiai, in dem sein Gut lag, im Jahre 1866 die Verdeutschung des Ortsnamens zu Birkenwalde. Ein Regierungsbeamte, der Ländereien in Eglynai und Brūžynai erworben hatte, benannte das neue Gut Birkenhain, zu dem später noch Budrikai und Pakavočiai hinzukamen. Aus dem Zusammen Schluß der Dörfer Glaudynai, Kekai, Kekgaliai, Plukiai und Tauregiai entstand 1897 Hohenflur. Aus Bertuliškė und Karališkiai wurde Grünheide, aus Kalkininkai und Padruojai Neugrün, aus Kalnujai, Laugaliai und Mediškiemiai Altweide. Weitere Beispiele finden sich auf S. 767.

Nach der Unabhängigkeitserklärung Litauens wurde die Eindeutschung der Ortsnamen wesentlich verstärkt. Zunächst wurden vorsichtig (1925 – 2 Ortsnamen engedeutscht, 1927 – 3), später ohne Hemmungen (im Jahre 1928 – 54). Die Liste einiger solchen Namensänderungen findet sich auf S. 767.

3) Die Ausrottung der litauischen Ortsnamen durch die Nazis. Im Jahre 1938 ordnete Gauleiter Koch eine gründliche Revidierung aller Ortsnamen mit der Direktive an, die litauischen und polnischen Namen durch deutsche zu ersetzen. „Ostpreußen ist Deutschland, daher müssen auch seine Ortsnamen deutsch oder preußisch sein. Die preußischen Namen können nicht nur, sondern müssen auch bleiben, denn die Preussen sind Germanen.“ Solche Instruktionen erhielt die Veränderungskommission nach Erinnerungen von Prof. Viktor Falkenhan, der Mitglied der Kommission war. Diese Aktion, die von 2000 Ortsnamen 1200 veränderte, stellt der Verfasser einem geistigen Genozid gleich, der mit Gewalt die Geschichte eines Volkes ausradieren wollte. Daß ein solcher Schritt von dem Volke der „Kulturträger“ unternommen wurde, macht ihn umso unverständlicher. Alle Veränderungen der Ortsnamen des Jahres 1938 sind im Anhang des Buches für die Nachwelt festgehalten (deutsches Verzeichnis der Ortsnamen). Ein Verzeichnis von Ortsnamen, die eine direkte Übersetzung aus dem Litauischen ins Deutsche sind, wie auch solche, in denen der baltische Stamm beibehalten ist, ferner solche, die aus unbestimmten Gründen nicht verändert worden sind, findet man auf den Seiten 769–771.

4) Ortsnamen des Memelgebiets. Während südlich der Memel die ursprünglichen Ortsnamen zunehmend der Verdeutschung oder einfach Ersetzung durch neugeprägte deutsche Namen ausgesetzt waren, war dieses nicht der Fall im Memelgebiet, das 1923 zu Litauen gekommen war, und wo nun die litauische Sprache neben der deutschen eingeführt wurde. Viele Ortsnamen waren die gleichen in beiden Sprachen, abgesehen von den Endungen (Aglonėnai – Aglohnen usw.; S. 771). Jedoch ein beträchtlicher Teil der Orte hatte zwei Namen, die übrigens schon seit Jahrhunderten existierten. Ein Name wurde von den Litauern, der andere von den Deutschen vorgezogen, z. B. das Dorf Alksniai wurde auch Bajohr-Mitzko genannt (S. 771). Der längere, zusammengesetzte Name wurde aus unklaren Gründen für deutsch gehalten und schon von der preußischen Regierung als offiziell anerkannt. Nach 1923 wurden die von Litauern gebrauchten kürzeren Namen in Litauen offiziell, während die deutsche Regierung an den zusammengesetzten festhielt. Ein Verzeichnis von 62 solcher zweinamigen Dörfer findet sich auf S. 772.

Einige Ortsnamen, schon vorher inoffiziell von der Bevölkerung gebraucht, wurden aus dem Deutschen zurückübersetzt, wie Sendvaris aus dem deutschen Althof, S. 773. Es existiert sogar ein Fall, wo der kleinlitauische Name in einen großlitauischen umgewandelt wurde!

5) Handlungsweise der Sowjets. Im Jahre 1945 überrannten russische Streitkräfte Kleinlitauen und Twanksta und vergewaltigten, ermordeten und vertrieben alle örtlichen Bewohner sowohl die preußischen und litauischen Autochthonen als auch die Deutschen. Nicht genug damit. Die alten preußischen und litauischen Ortsnamen wurden sofort nach 1945 auf Befehl von Moskau durch sowjetische und russische ersetzt. Es entstanden unklare Ortschaften, Sowchosen und Kolchosen, die mit den Namen russischer Generäle und Feldmarschälle aus der Zeit Peters des Großen und des Druckverbotes in Litauen belegt wurden. Andere wurden nach bolschewistischen Aktivisten, politischen Eintreibern sowie nach den schlimmsten Würgern und Bedrückern des litauischen Volkes benannt. In diesen Namen reflektieren sich weder Fauna und Flora noch die Tierwelt des Landes, noch Kultivierungsarbeiten, schon ganz zu schweigen von althergebrachten Sitten und Bräuchen. Der Autor zweifelt, ob eine dreifache Verfluchung des Kremels, dessen Hand unsere grünen Felder, heiligen Flüsse und Wälder entwendete, genügend ist; der Hand, die das Land mit dem Schwerte verwüstete, seine Frauen schändete, die das Denkmal des Herkus Monte niederriß, die die schönsten preußischen und litauischen Ortschaften und ihre Namen ausradierte, die nicht einmal die innig mit der litauischen Kultur und Literatur verflochtenen Namen von Ortschaften, wie Ragainė, Tilžė, Tolminkiemis verschonte.

Die Sowjets beließen lediglich einige slawisch anmutenden Namen aus dem alten preußisch-litauischen Namenregister (siehe S. 774–775). Sie haben solche künstlich slawisierten baltischen Namen dazu benutzt, den Regierungen des Westens vorzuschwindeln, daß die Region von Kaliningrad „aus uralten slawischen Ländern des Vorbaltikums“ zusammengesetzt sei (Großrussische Enzyklopädie von 1953).

6) Polonisierung der Ortsnamen in der polnischen Zone. In dem südlichen Polen überlassenen Teil Kleinlitauens wurden 105 Ortsnamen polonisiert. Die meisten solcher Ortschaften finden sich in den Kreisen von Galdapė und Darkiemis. Jedoch sind die alten baltischen Wortstämme in der polnischen Transkription belassen und können leicht wiedererkannt werden. Im Gegensatz zur Germanisierung und Russifizierung der Namen muß der Polonisierung eine höhere kulturelle Stufe zuerkannt werden. Auch haben die Polen in mehreren Fällen die „neugeschaffenen“ deutschen Namen beiseite gelassen und sind auf die ursprüngliche litauische Benennung zurückgegangen, die dann phonetisch, der polnischen Sprache entsprechend, umgestaltet wurde. Einige nicht erkennbare polonisierte Namen sind auf den S. 775–776 wiedergegeben.

7) Litauisch umgestaltete Ortsnamen. Auf den Seiten 776–777 werden die Ortsnamen vorgestellt, die im Laufe der Zeit lituanisiert worden sind. Sie sind kurischer oder preußischer Herkunft. Auch eine Anzahl deutscher Namen wurde durch die litauische Bevölkerung ins Litauisch umgearbeitet; schließlich haben auch litauische Ortsnamen eine Umänderung in eine andere litauische Form erfahren. Ferner wird eine lange Reihe mißlungener Namensbildungen, die aus deutschen Varianten nach dem Krieg gebildet worden sind, gegeben und die entsprechende bessere Form danebengestellt (S. 777–778).

3. Das Alter der Ortsnamen

1) Im 4. Jahrhundert vor Chr. erwähnt der griechische Seefahrer Pytheas von Massalia in seiner Beschreibung des nordwestlichen Europas die Insel Balcia (lit. Báltija) und den Fluß Nomon (Nẽmunas). Ptolomaeus (85–160) erwähnt Rousson (lit. Rùsnė) und auch zum ersten Mal die baltischen Stämme Γαλίνδαι καί Σουδινοί (lit. Galìndai und Sūdùviai).

Bis zum Tod des litauischen Königs Mindaugas im Jahre 1263 werden in schriftlichen Quellen ungefähr 50 Ortsnamen erwähnt. Sie sind auf Seite 779 und 780 alphabetisch zusammengestellt, in der jetzigen litauischen und ihrer ursprünglichen Fassung. Eine zusätzliche Reihe von Ortsnamen wurde in den nächsten hundert Jahren dokumentiert (S. 781).

2) Abkömmlinge von Ysr-, Isr-. In der antiken griechischen Literatur wird ein zweiter Name der Donau erwähnt, Istra, der thrazisch-dazischer Abstammung ist und ein eingeschobenes -t-, verglichen mit der älteren Form Isra, aufweist. In Kleinlitauen findet sich der Fluß Isra, auch Istra genannt, der bei Įsrutys (Insterburg) in den Pregel mündet. Analog zur thrazischen Benennung der Donau muß die Form Isra älter als Istra sein. Įsrutys und Ysra-vejos (1379 Iser-wayn genannt) haben kein eingeschobenes -t-, benutzen also die ältere Form.

Beide Abkömmlinge der indoeuropäischen Buchstabenverbindung sr- in den Gewässernamen bewahren die alte Bedeutung „strömen“, wie im Sanskrit sravati, „fließt, strömt“, litauisch sravėti, griechisch rhéein aus *srévein „fließen“. Aus den Beispielen ist ersichtlich, daß die Indoiranier, Griechen, Balten des Altertums und Litauer die alte indoeuropäische Buchstabenverbindung sr- bewahrt haben. Jedoch in mehreren anderen Sprachen finden wir das eingeschobene -t-, wie im Russischen struja „Strömung“, Thrazischen Strymon „Fluß“, Englischen stream, Deutschen Strom, Lettischen straume. Mit anderen Worten, die Slawen, Germanen, Thrazier und zum Teil die Balten, wie Preussen und Letten, entwickelten ein eingeschobenes -t-. Weitere angeführte Beispiele zeigen, daß im Gebiet der Niederlitauer und im mittleren Oberlitauen sowie in Kleinlitauen die entsprechenden Wassernamen kein eingeschobenes -t- haben. Daraus wird der folgende Schluß gezogen: Die obenerwähnten Gebiete haben eine zentrale, ursprüngliche (sr-) Position im Sprachgebiet der Balten eingenommen, während die peripheren Gebiete, die der Preußen, Sudauer, Ostbalten und Letten, die auch von anderen Sprachen entwickelte Neuerung str- eingeführt haben. Nadrauen, das Land der Įsrutys und Isravejos, gehört zum zentralen protolitauischen Sprachgebiet. Ysra-vejos und Įsrutys gehören demnach zu den ältesten Namensbildungen.

3) Ortsnamen als Reflexionen der Geschichte. Kleinlitauische Ortsnamen spiegeln geschichtliche Tatsachen wider. Nidà mag vom Sanskritindischen nedati „fließt“ herkommen und damit zeigen, daß die ersten Einwohner von Nidden sich 2000 Jahre vor Christi Geburt am fließenden Wasser angesiedelt haben. Auch andere Ortsnamen, von Gewässernamen herstammend, mögen eine Niederlassung am Wasser bezeugen, wie Alnà vom Protolitauischen alneti „fließen“ oder Argà von argus „schnell, reißend“. Gãstos kommt nicht vom lateinischen hostis oder deutschen Gast, sondern vom preußischen gastō „Hausstätte“ und aussagen, daß die Vorfahren der Balten, die sich am Haff niederließen, „Neusiedler auf eigenem Grunde“ waren.

Perkūn-talviai, ein mit dem alten Glauben verbundener Ortsname, deutet mit seinem zweiten Wortteil -talv- auf das Alter des baltischen Glaubens und auf die Gemeinschaft der westlichen Balten hin. Potrimpai kündet von Patrimpas, einem von den Schalauern bis in die Neuzeit unvergessenen Gott. Rambynas, der altherwürdige Hügel an der Memel, stand nicht nur bei den alten Schalauern, sondern auch bei allen Kleinlitauern in höchstem Ansehen. Romava, Romove, Romov-upiai, aus noch heute üblichen Wörtern romà, romùs, romuva „ehrwürdig, still“ gebildet, mögen die Kultstätten der Notanger, Samländer, Barten und Nadrauer enthalten haben.

Šveislaukiai „der Galgenberg“, erinnert daran, daß man in Nadrauen die Kleinlitauer, wie auch die Preußen in Samland, für die Verweigerung der Abgabe des gefundenen Bernsteins zu hängen pflegte. Bitmeškiai „Bienenbärendorf“ deutet auf die im Altertum verbreitete Bienenzucht hin. Es folgt eine Reihe von weiteren Beispielen geschichtsträchtiger Ortsnamen, die die Analyse beschließen, und es wird erneut darauf hingewiesen, daß den fremden Eindringlingen die tausendjährige Einwirkung der Geschichte auf die Bildung von baltischen Ortsnamen bedeutungslos war. Die Deutschen verzerrten die Vergangenheit mit unverständlichen Verstümmelungen der Ortsnamen, die Nazis drängten den Ortschaften sinnlose Neubildungen auf, während die Russen das Land mit beziehungs- und gefühllosen russischen Benennungen bepflastert haben, um auf solche Weise die Geschichte der Alteinwohner des Landes zu entwürdigen und selbst die Erinnerung an sie auszutilgen.

 
Vorwort und Zusammenfassung aus dem Buch:

Pėteraitis, Vilius. Mažosios Lietuvos ir Tvankstos vietovardžiai: jų kilmė ir reikšmė, Vilnius: Mažosios Lietuvos fondas; Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas, 1997, S. 11–12, 582–590.

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