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Silva Pocytė




Die nationale Identität der Kleinlitauer und ihre kulturellen Aktivitäten 1871–1914

Von 1871 bis 1914 zählt man etwa 30 kulturell orientierte kleinlitauische Verbände, die die Bewahrung der litauischen Sprache anstrebten und gegen den Verlust der nationalen Identität kämpften. Obwohl in der Geschichtsschreibung die Tätigkeit der kulturellen Verbände nicht als ein völlig unerforschtes Gebiet gelten kann, fehlt jedoch offenbar eine integrale Behandlung dieser Thematik. Besonders deutlich ist die Forschungsnische der Einzigartikeit der kleinlitauischen Identität und ihre qualitativen Änderungen nach der Gründung des deutschen Reiches 1871. Die Kleinlitauer wurden als „fast Litauer“ oder als „fast Deutsche“ betrachtet, deshalb ist es nicht möglich, die einzelnen Züge der kulturellen Bewegung objektiv einzuschätzen, beispielsweise die Loyalität dem deutschen Reich gegenüber sowie das Nichtvorhandensein der politischen Integration der Groß- und Kleinlitauer. Obwohl die Tätigkeit der kleinlitauischen Kulturverbände zweifelsohne von äußeren, deutschen und großlitauischen, Faktoren einschließlich der Regierungspolitik beeinflußt wurde, wird dennoch im vorliegenden Buch ein in der Geschichtsschreibung fast unerforschter Aspekt aufgegriffen: Die gegenseitigen Beziehungen der kleinlitauischen Verbände, die sich in den bestimmten Rahmen der Kulturanthropologie drängen und das wichtigste soziale Problem – das Fehlen der kleinlitauischen Elite – hervorheben.

Schlußfolgerungen

1. Schon vor dem Anfang der zu behandelnden Zeitperiode bildete sich im Laufe von mehreren Jahrhunderten im nördlichen Teil Ostpreußens, in Kleinlitauen, die Volksgruppe der Kleinlitauer (Preußisch-Litauer), die dem preußisch-deutschen politischen und staatlichen Gefüge angehörte. In diesem multikulturellen Grenzgebiet, in dem die Koexistenz der Ortsbevölkerung des Gebietes, Kleinlitauer und Deutsche, am deutlichsten zum Vorschein kam, gestaltete sich durch Verflechtung von sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen eine spezifische Identität der Kleinlitauer, der die Loyalität und Treue der monarchischen Institution als dem Herrscher des eigenen Landes gegenüber charakteristisch waren. Protestantismus und die erweiterte Bewegung der Gemeindeversammlung festigte die Religiosität und die Huldigung des Monarchen als Kirchenoberhauptes. Die litauische Sprache galt als Hauptinstrument für die Durchführung der religiösen Riten und als Garant der Bewahrung als Volksgruppe.

2. Die Nationenpolitik des deutschen Reiches – ein Staat, ein Volk, eine Sprache – war eine der Erscheinungsformen des europäischen Nationalismus im 19. Jahrhundert, deren offene Germanisierungstendenz sich von der Assimillierungs – und Verpreußungspolitik des Großfürstentums Preußen unterschied. Nach 1871 wurde die Auffassung der kleinlitauischen Identität aktualisiert. Die Loyalität eines Kleinlitauers dem deutschen Staat gegenüber war seiner Identifizierung mit einem Deutschen nicht adäquat, weil er ein Bürger des deutschen Staates, aber kein Deutscher war.

3. Die Kleinlitauer sind nicht zu einer modernen Nation geworden, und man kann sie nur als eine Volksgruppe betrachten, weil ihre Zugehörigkeit zur deutschen Staatstradition die Erfassung des eigenen deutschen, und nicht des litauischen Staatsgedächtnisses formte; die patriarchalische Gesellschaft der Kleinlitauer zeichnete sich durch eine unvollständige soziale Struktur aus, der mit wenigen Ausnahmen die Schicht der Intelligenz fehlte. Die „burische“ Mentalität brachte jeglichen Aufstieg in der sozialen Hierarchie, der vom Ausbildungsniveau nicht zu trennen war, in Zusammenhang mit dem Deutschwerden.

4. Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts verringerte sich die Anzahl der Kleinlitauer in zwölf Kreisen Kleinlitauens von 19,1% bis 14,5%. Diese Tatsache lässt die Behauptung zu, dass Kleinlitauer eine nationale Minderheit bildeten. Den Rückgang der Anzahl der kleinlitauischen Bevölkerung bewirkten nicht nur die Germanisierungspolitik des deutschen Reiches, sondern auch die von der Modernisierung des Staates beeinflusste Akkulturation der Kleinlitauer, die die litauische Dorfgemeinde der westlichen industriellen Kultur annäherte, sowie den Koeffizient des Verzichtes auf die Muttersprache und der zwangsläufigen Aufgabe des Volkstums vergrößerte.

5. In der Geschichtsschreibung wurde die Idee der Einheit Groß- und Kleinlitauens oder ihrer Integration an der Jahrhundertwende des 19. und 20. Jh. nicht vollständig und objektiv erörtert. Abgesehen von der verwandten Sprache und Herkunft wurde die kulturelle Annäherung von unterschiedlichen, vom historischen Geschehen geprägten, politisch-staatlichen Traditionen der Groß- und Kleinlitauer, von der ungleichen wirtschaftlichen Entwicklung der beiden Länder sowie von einem unterschiedlichen religiösen und kulturellen Umfeld angebremst, das sich in Großlitauen auf die polnisch katholische und in Kleinlitauen – auf die deutsch protestantische Tradition stützte. Die Idee der politischen Integrationsfähigkeit galt bis zum Ersten Weltkrieg als ein indiskutables Thema. Die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Groß- und Kleinlitauern in den Jahren des Presseverbotes und die Verpflanzung der historischen und kulturellen Symbole Großlitauens in das kulturelle Umfeld der liberal-weltlichen Bewegung der Kleinlitauer erfolgte nicht massenweise, weil für die Mehrheit der kleinlitauischen Gesellschaft, die an konservative Ideen und an durch die Bewegung der Gemeindeversammlung propagierte Ideen gebunden war, die Integrationsversuche Groß- und Kleinlitauens als unverständlich und inakzeptabel erschienen.

6. Die Germanisierungspolitik des deutschen Reiches, die auf Einschränkungen des Sprachgebrauches der nationalen Minderheiten gerichtet war, löste die kulturelle Bewegung der Kleinlitauer um die Bewahrung der Muttersprache aus. Als erste und zahlreichste Form dieser Bewegung gilt die Petitionsbewegung. Die an die Regierung des Staates und an die Behörden des Gebietes verschickten Petitionen fallen durch apolitischen Inhalt auf, weil die Hauptforderungen sich auf Glaubensangelegenheiten bezogen, sowie in Zusammenhang mit dem Religionsunterricht in den Schulen in litauischer Sprache und mit Fragen des Gebrauchs der litauischen Sprache in den Kirchen standen. Der bäuerliche Charakter der Petitionsbewegung widerspiegelt ein bestimmtes Gefühl der Mobilitätserfassung der eigenen Volksgruppe, das mit der Bewahrung der traditionellen Werte und der für die Gesellschaft relevanten Faktoren wie Muttersprache, Frömmigkeit und Monarchismus verknüpft war. Die Ergebnislosigkeit der Petitionsbewegung regte die Kleinlitauer an, nach neuen Formen der Tätigkeit zu suchen: Wahl ihrer Vertreter in die Parlamentsinstitutionen und Gründung der Kulturverbände.

7. Seit 1878, als in Memel mit der Herausgabe der Lietuviška ceitunga begonnen wurde, machten sich die Ansätze der ideellen Differenzierung der kleinlitauischen Gesellschaft deutlich, die neben des vorherrschenden konservativ religiösen Inhaltes die Verbreitung der liberal weltlichen Gedanken ermöglichte, welcher sich am deutlichsten durch den 1885 in Tilsit gegründeten ersten kleinlitauischen Kulturverband Birutė herauskristallisierte. Beide Strömungen verfolgten das gleiche Ziel, die Bewahrung der litauischen Sprache, dennoch gingen sie verschiedene Wege. Die konservative Richtung setzte ihre Prioritäten bei der Beibehaltung der Religiosität und der Möglichkeit, den Gottesdienst in der Muttersprache abzuhalten. Der Versuch der Vertreter der liberalen Richtung, sich vom religiösen Aspekt abzugrenzen, wurde als Eindringen der großlitauischen katholischen Ideen betrachtet und fand keine Zustimmung seitens der Mehrheit der Kleinlitauer.

8. Die Gründung des Verbandes Birutė wurde zum größten Teil von äußeren Faktoren inspiriert: 1. 1879 wurde auf Initiative von deutschen Intellektuellen eine internationale Litauische literarische Gesellschaft gegründet, die sich auf rein wissenschaftliche Intentionen stützte und die litauische Sprache und Traditionen, die in der Zukunft aussterben hätten können, als ein wissenschaftliches Objekt akzeptierten, das man festhalten, aber nicht bewahren und verbreiten sollte; 2. Georg Sauerwein, Kulturträger Großlitauens Jonas Basanavičius, Jonas Šliūpas haben 1882 in der litauischen Presse die Idee der Gründung einer litauischen wissenschaftlichen Gesellschaft aufgegriffen. Als 1884 das Vorhaben, eine derartige Gesellschaft in Tilsit zu gründen, scheiterte, wurde ihre Satzung 1885 von Gründern des Verbandes Birutė, Martynas Jankus, Jurgis Mikšas, Kristupas Voska und Ernestas Weyeris, übernommen.

9. Der Verband Birutė trug einen kulturellen, bildungspolitischen und weltlichen Charakter und proklamierte weder politische noch soziale Forderungen. Obwohl er die traditionelle Zurückhaltung der politischen Macht gegenüber beibehielt, fand er keine massenmäßige Befürwortung bei den tiefgläubigen Kleinlitauern. Im Zeitraum des Höhepunktes der Verbandstätigkeit von 1885 bis 1889 werden als Hauptform der Aktivitäten die in verschiedenen Ortschaften Kleinlitauens veranstalteten Versammlungen mit Vorträgen zu historischen, wissenschaftlichen und aktuellen gesellschaftlichen Themen. Dies ermöglicht eine Behauptung über die hoch zielende Tätigkeiten der kleinlitauischen Kulturträger, von denen die meisten nur die Grundausbildung besaßen, innerhalb der litauischen Bewegung. 1895 wurde zum zehnjährigen Bestehen des Verbandes Birutė ein litauisches Fest mit der ersten litauischen Theateraufführung und litauischen Liedern veranstaltet, das die Abschaffung des Monopols der konservativen Ideen symbolisierte, denn diese betrachteten Theater, Lieder und Tänze als Quelle zur Verbreitung von Heidentum und Sünden.

10. Ein charakteristisches Merkmal der Tätigkeit des Verbandes Birutė, das bis zum Ersten Weltkrieg deutlich war, wurde von folgenden Faktoren bestimmt: 1. Das Problem der nicht vorhandenen kleinlitauischen Elite, das einen häufigen Wechsel der Verbandsvorsitzenden und Zwistigkeiten zwischen der Verbandsmitgliedern bewirkte; 2. Starke Opposition seitens der Pfarrer und der Gemeindeversammlung; 3. Eine nicht immer positive Haltung der Regierung der ostpreußischen Provinz der Verbandstätigkeit gegenüber.

Der Verband Birutė gilt als eine besondere Erscheinung der allgemeinlitauischen Kultur. Obwohl er die in seiner Satzung festgelegten Ziele nicht realisierte, gab er Impulse für die Gründung neuer Kulturverbände und für die Suche nach optimalen Maßnahmen zur Bewahrung des Litauertums. Eines gewisse Mystifizierung der Bedeutung des Verbandes innerhalb der litauischen Bewegung und das Bestreben, mit allen Mitteln ihre Lebendigkeit aufrechtzuerhalten, schwächte das Potenzial und Qualität der Tätigkeit anderer litauischer Verbände.

11. 1899 wurde der aus dem Verband Birutė ausgewachsene Tilsiter Gesangsbund gegründet, der bis 1935 aktiv war und die Pflege der Muttersprache und der nationalen Identität durch die Organisierung litauischer Feste und Liederabende anstrebte. Die Akzeptanz des Phänomens des langjährigen Vorsitzenden Vydūnas, der die Ideen der orientalischen Philosophie propagierte, zeugte im protestantischen Umfeld von einer unbestrittenen Modernisierung der kleinlitauischen Gesellschaft. Der Tilsiter Gesangsbund unterschied sich durch seine produktive und ununterbrochene Tätigkeit; dabei wurden litauische, deutsche und religiöse Aspekte miteinander verknüpft, die die einzigartige Stellung eines Kleinlitauens zwischen dem deutschen und dem litauischen Pol verdeutlichte, die nicht mittels der kulturellen Konfrontation, sondern auf dem Wege eines Kompromisses verwirklicht wurde. Die im 20. Jahrhundert deutlich gewordene Konfrontation zwischen dem Verband Birutė und dem Tilsiter Gesangsbund ist nicht als Meinungsverschiedenheit zu den wichtigsten Fragen der Perspektive der litauischen Bewegung, sondern als emotionelle Ausbrüche der persönlichen Ambitionen von Vydūnas und Jonas Vanagaitis, weil der letztere bedingungslos als Leiter der kleinlitauischen Bewegung fungieren wollte.

12. Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts können einige episodisch aktive Vereinigungen bemerkt werden. 1898 wurde Lese- und Schreibgesellschaft (Rašymo ir skaitymo draugija) gegründet, die litauische Bücher herausgeben und mittels der religiösen Selbstbildung die Aufgabe des kleinlitauischen Volkstums aufhalten sollte. Die episodenhafte Tätigkeit der 1900 in Tilsit entstandenen Frauenvereinigung Lietuvaičių šviesa (Licht der litauischen Frauen) war wegen einer mangelnden Ausbildung der kleinlitauischen Frauen vorprogrammiert. Die 1900 gegründete weltliche antialkoholische Gesellschaft Lietuvos žvaigždė (Litauischer Stern) ist als eine Herausforderung der Bewegung der Gemeindeeinberufenen einzuschätzen, die bisher die dominante Position im Kampf gegen den Alkohol- und Tabakverbrauch einnahm.

Durch das quantitative Wachstum, das allerdings kein adäquates qualitatives Niveau erreichte, reifte die Idee zur Schaffung der Lietuvininkų susivienijimas Prūsuose (Kleinlitauischen Vereinigung in Preußen) (1901–1906, Tilsit), die die intellektuellen Kräfte der Kleinlitauer vereinigen sollte. In den von der Vereinigung herausgegebenen Büchern und im Inhalt der bei Versammlungen gehaltenen Vorträgen dominierten Themen der Geschichte und des Wissens, die einen weltlichen Charakter trugen und die Selbstbildung der Kleinlitauer festigen sollten. Das historische Bewusstsein der Kleinlitauer wurde im Rahmen des großlitauischen historischen Bewusstseins erzogen, wobei die Symbole der Vergangenheit Großlitauens in das kulturelle Umfeld der Kleinlitauer verpflanzt wurden.

13. 1904 wurde in Memel der religiöse Bund Sandora gegründet, der von 1905 bis 1939 vom Pfarrer Prof. Vilius Gaigalaitis geleitet wurde. Sandora bildete das Gegengewicht für die weltlichen Vereinigungen und wollte die Schichten der Gemeindeeinberufenen aktivieren. Der Bund hatte die höchste Mitgliederanzahl innerhalb aller kleinlitauischen Vereinigungen (1914 mehr als 500 Mitglieder), und das Credo seiner Tätigkeit ging von der Bewahrung des Litauertums durch die Festigung der Religiosität.

14. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Notwendigkeit der Einbeziehung der Jugend in die litauische Bewegung aktualisiert. 1911 wurde die Initiative des Verbandes Birutė und des Tilsiter Gesangsbundes zur Gründung weltlicher Jugendvereinigungen von der Verbreitung der christlichen Gemeinschaft der deutschen Jugendlichen angeregt. Die wichtigsten Tätigkeitsbereiche der zumeist im nördlichen Teil Kleinlitauens gegründeten weltlichen Jugendvereinigungen waren die Organisierung litauischer Feste, Einrichtung von Bibliotheken und Vorträge. Der zur Koordinierung der Tätigkeit dieser Vereinigung 1912 gegründete Verband Santara beendete die ideelle Polarisierung der kleinlitauischen Gesellschaft, weil die Ablehnung des Bundes Sandora, sich dem Santara anzuschließen, Tätigkeitsmodelle der zwei hervorgetretenen ideellen Strömungen, die sich auf verschiedene weltliche und religiöse Aspekte stützten, herauskristallisierte. Eine mehr aktive und effiziente Tätigkeit von etwa 15 Jugendvereinigungen und des Verbandes Santara wurde durch mangelnde Ausbildung der Mitglieder und ihrem ausgeprägten weltlichen Engagement angebremst.

15. Von 1871 bis 1914 war die Bewahrung der litauischen Sprache für einen Kleinlitauer eng mit der eigenen „burischen“ Identität verbunden, die nach dem Sprachgebrauch und dem sozialen Status die Kleinlitauer von Deutschen abgrenzte. Von der Entstehung des ersten litauischen Kulturverbandes 1885 und bis zum Ersten Weltkrieg waren in Kleinlitauen eine längere Zeit oder episodenhaft über 30 Kulturverbände aktiv. Mit geringen intelektuellen Kräften wurden Ergebnisse des Zusammenschlusses der Kleinlitauer erreicht; die Entwicklung von Selbstbildung und Wissenschaft sowie die Erziehung zur nationalen Selbstachtung lasst Äußerungen über Änderungen der kleinlitauischen Gesellschaft zu, die auch den Wechsel der qualitativen Ebene der kleinlitauischen Identität widerspiegeln.

 
Zusammenfassung aus dem Buch:

Pocytė, Silva. Mažlietuviai Vokietijos imperijoje 1871–1914, Vilnius: Vaga, 2002, S. 295–303.

 

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