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Karl-Heinz Ruffmann




Kritische Anmerkungen zur Memel-Frage zwischen den beiden Weltkriegen*

Als Memeler des Geburtsjahrganges 1922 und Abiturjahrganges 1939 weiß ich mich getrieben und bedrängt von dem Thema „Die Deutschen und der europäische Osten“, das schonungslose Offenlegung begangener Fehler und Verfehlungen verlangt, zugleich aber auch einfühlsames Nachdenken über zukunftsorientierte Hoffnungen und Chancen.

Daß die Frage „Wo bin ich?“ stets mit der Frage „Woher komme ich?“ gekoppelt ist, leuchtet wohl nicht nur dem Historiker unmittelbar ein. So wie jeder Mensch ein Gedächtnis braucht, um sich in seiner Zeit und Umwelt zurechtzufinden, benötigt jede soziale Gruppe, jede Nation und jede Gesellschaft Geschichte als kollektives Gedächtnis und unerläßliche Orientierungshilfe, um sich in ihrer notwendigerweise auf Zukunft angelegten Gegenwart zurechtzufinden.

Geschichtswissenschaft wird dabei historisches Geschehen nur dann voll begreifen und würdigen können, wenn sie es einerseits in seinem Eingebundensein in die Zeit erlaßt, in der es stattgefunden hat, andererseits aber auch seine Wirkungen und Folgen gebührend berücksichtigt. Der Verzicht auf späteres Wissen ist weder möglich noch erlaubt.

Anhand solcher unerläßlicher Beurteilungskriterien und mit stark gegenwarts- und zukunftsorientierter Blickrichtung auf das Zusammenleben verschiedener Volksgruppen in einem Staat seien nunmehr zu unserem konkreten Thema sieben Sachverhalte bzw. Einsichten nachdrücklich hervorgehoben:

1. Das politisch-verfassungsmäßige Herzstück der Memel-Frage und der darin involvierten deutsch-litauischen Beziehungen in der Zwischenweltkriegszeit war die Memelkonvention von 1924. Sie garantierte, zusammen mit dem vom neuen souveränen Litauen in Kraft gesetzten Memelschaft, den Bewohnern des Memelgebietes rechtlich ein Eigenleben, das sich an den damals international gültigen Prinzipien des Minderheitenschutzes orientierte und ihm soweit wie möglich gerecht zu werden trachtete. Mithin bestanden insoweit gute Voraussetzungen für ein gedeinliches Zusammenleben. Andererseits war Memelgebiet ein Experimentierfeld europäischer Minderheitenpolitik, ohne daß seine Bewohner zu irgendeinem Zeitpunkt gefragt, geschweige denn aktiv einbezogen wurden.

2. In einem gemischtnationalen Gebiet kann Minderheitenschutz, fußend auf noch so einleuchtenden und verallgemeinerbaren rechtlichen Prinzipien, in der Praxis nur funktionieren, wenn diejenigen, für die er gilt, beim Versuch, ihre jeweiligen nationalpolitischen und nationalkulturellen Ziele zu verwirklichen, auf dem Boden und im Sinne dieses Minderheitenschutzes verständigungsbereit und kompromißfähig sind. Deshalb war die Nichtbereitschaft von deutscher und litauischer Regierungspolitik in der Memel-Frage, aber genauso von Memeldeutschen wie Litauern zum Sich-Arrangieren auf dem Boden der an sich beide bindenden Abkommen von 1924, Hauptursache für ein streckenweise hohes Spannungs- und Konfliktniveau. Beide Seiten versuchten, Memelkonvention und Memelstatut für ihre maximalistischen Absichten und Ziele zu instrumentalisieren.

3. Was das litauisch-deutsche Verhältnis im Memelgebiet während der Zwischenweltkriegszeit wie ein roter Faden durchzog, war die Wirksamkeit des modernen Gestaltungsprinzips des Nationalen, des Nationalismus. Beim Nationalismus geht es um politische Zugehörigkeit. Er beantwortet einerseits die Frage, wie sich das einzelne Mitglied einer politischen Gemeinschaft zum eigenen Land und zu anderen Menschen verhalten sollte. Andererseits bestimmt der Nationalismus das Wessen einer politischen Gemeinschaft, indem er Sprache, Kultur, Religion, Territorium und Geschichte als jene Elemente hervorhebt, welche die Mitglieder einer Nation gemeinsam haben. Dieser Nationalismus hat sich als äußerst fähig und dynamisch, häufig allerdings auch als höchst gefährlich bei der Mobilisierung und Lenkung sozialer Großgruppen sowie bei der Erzeugnis von politischer und gesellschaftlicher Loyalität erwiesen.

4. Einige Vorsicht erscheint geboten gegenüber der uneingeschränkten Gültigkeit der (übrigens genuin deutschen) Vorstellung und Bestimmung der Nation als Gesamtheit aller Stamm- und Sprachverwandten. Weil er davon ausging, übersah der junge litauische Nationalstaat der Zwischenweltkriegszeit, daß diejenigen Memelländer, die von Hause aus Litauisch sprachen, infolge jahrhunderterlangen Zugehörigkeit zum preußischen Staat und auf Grund ihres evangelischen Glaubensbekenntnisses, überwiegend für ein Nationalbewußtsein optiert hatten, das vornehmlich preußische Farbe trug. Das durchgängige Wahlverhalten dieser Menschen im Memelgebiet während der zwanziger und dreißiger Jahre spricht für sich selbst. Wohl kaum allein in historischer Perspektive sollte man aus Herkunfts- und Sprachverhältnissen keine voreiligen Schlüsse auf die nationale Einstellung einer Volksgruppe bzw. Bevölkerung ziehen.

5. Was nochmals das nationale Gestaltungsprinzip anbelangt, sollte unser diesbezügliches zukunftsorientiertes Geschichtsbild, in Deutschland und Litauen, so ausgerichtet sein, daß in ihm jene originäre Idee des frühneuzeitlichen europäischen Bürgertums endlich voll zum Tragen kommt und dominiert, die Nation primär innenpolitisch bzw. innergesellschaftlich bestimmt sah und verstand, nämlich als Inbegriff, Organisation und Garantie politischer, sozialer und kultureller Freiheitsrechte mündiger Bürger. Genau dies war, ist und bleibt der eigentliche Kern des nationalen Selbstbestimmungsrechts. Nationale Selbstbestimmung muß, wenn sie auf Dauer glaubwürdig sein und funktionieren will, stets zugleich demokratische Selbstbestimmung sein. Demokratische Selbstbestimmung verstanden als Herstellung und Garantie individueller wie kollektiver Bürger- und Menschenrechte, und die Nation in diesem Sinne verstanden als der große Hut, unter dem es wimmeln kann. So sind bzw. werden nationale und demokratische Selbstbestimmung deckungsgleich.

Memeldeutsche und Litauer haben in der Memel-Frage während der Zwischenweltkriegszeit diese Deckungsgleichheit überhaupt nicht angestrebt geschweige denn erreicht.

6. Nur in einem funktionierendem Rechtssystem mit allseiterespektierten Menschen- und Bürgerrechten können ethnische Konflikte wenn nicht vermieden, so doch wenigstens entschärft und reguliert werden. Die überall zu beobachtende „Nationalisierung“ in der Sprachen-, Kultur-, Bildungs- und auch Kirchenpolitik, d.h. die Durchsetzung des Vorrangs der jeweiligen Mehrheit im öffentlichen Leben, in den politischen und Bildungseinrichtungen, war und ist zwar einerseits Ausdruck einer späten nationalen Emanzipation, anderseits aber auch eine Sackgasse. Europa steht heute, wie schon einmal in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, vor der Aufgabe, Minderheitenrechte und Kulturautonomie für ethnische und religiöse Gruppen in allen Staaten anzuerkennen und auch durchzusetzen; der Völkerbund ist seinerzeit daran gescheitert; und auch deutsche und litauische Regierungspolitik in der Memel-Frage haben damals versagt.

7. Im und nach dem Zweiten Weltkriegen haben die Memelländer ebenso wie viele Litauer die Heimat verloren. Heimat ist aber immer auch geistiger Besitzt, der für sich, d.h. unabhängig davon, ob diese Heimat territorial zur Verfügung steht, durchaus erhalt- und tradierbar bleibt. Insofern, mit dieser Einstellung und diesem Bewußtsein fühle ich mich nicht als „Heimatvertriebener“, d.h. als jemand, der seiner Heimat beraubt werden konnte. Voraussetzung ist freilich das Vorhandensein und die Ausstrahlungskraft eines dem angemessenen Geschichtsbildes, Geschichtsverständnisses und Geschichtsbewußtseins.

Anders formuliert: Mehr noch als auf die Pflege heimatlichen Kulturgutes kommt es darauf an, nüchtern und kritisch, aber zugleich auch einfählend und engagiert ein Bild Verständnis und Bewußtsein von der Geschichte der betroffenen Gebiete und ihrer Bewohner zu entwickeln und für seine Verbreitung und Verwurzelung in unseren Gesellschaften Sorge zu tragen. Dabei geht es um ein Geschichtsbild, Geschichtsverständnis und Geschichtsbewußtsein, das frei ist und seine Träger und Konsumenten frei macht von Ressentiments und Tabus, vom Gesetzt von Druck und Gegendruck, von Aktion und Reaktion, von Parteilichkeit, Zorn und unbereinigtem Gewissen sowie von Legendenbildungen aller Art.

Nur so können und werden auch unsere Beziehungen zu den Völkern und Staaten im europäischen Nordosten, darunter nicht zuletzt zu den Litauern, eine auf Daner tragfähige Grundlage erhalten, zu Partner, die in historischer wie aktueller Perspektive immer wieder eindrucksvoll demonstrieren, wie man aus der Geschichte und mit ihr lebt, wie unentbehrlich sie als kollektives Gedächtnis eines Gemeinwesens ist – und daß Gedächtnis als Bevußte, durch Vernunft gesiegte Erinnerung genau das ist, was man Tradition nennt; Tradition gefaßt und praktiziert nicht so sehr als Bindung denn als Freiheit nämlich „die Freiheit dem Zufall der Gegenwart zu entrinnen, aus der zufälligen Zeitgenossenschaft der Mitlebenden hinauszutreten in die Zeitgenossenschaft der Mitlebenden hinauszutreten in die Zeitgenossenschaft des Vergangenen und durch Gedächtnis Vergegenwärtigten“ (H. Heimpel).

So verstandene und bewußtgemachte Tradition wirkt aus der Geschichte in die Noch-nicht-Geschichte, verbindet Vergangenheit und Zukunft und trägt dazu bei, sich in der Gegenwart zurechtzufinden, den eigenen Standort in ihr und sich daraus ergebende Aufgaben zu erkennen. „Wo das gelingt, ist Geschichte nicht nur das lebensverlängernde, sondern auch das versöhnende Gedächtnis des Menschen“ (so nochmals H. Heimpel).

Ist es nicht für Deutsche und Litauer eine lohnende und jetzt durchaus lösbare Aufgabe, in einem solchen Grundverständnis und mit einer solchen Zielsetzung gemeinsam die Geschichte ihrer Beziehungen, insbesondere im Gebiet um die Memel aufzuarbeiten? Wenn das gelingt, wird dieses Gebiet nochmals das werden, was es jahrhundertenlang ganz selbstverständlich war.

Zwischenland und Bindeglied des Zusammenlebens verschiedener Völker und Nationalitäten. In ihm bleibe ich – selbstverständlich – ein überzeugter Bürger Memels, werde aber jetzt auch gerne ein Klaipėdiškis. Und die allgemeine Nutzanwendung: Das Geheimnis der Befreiung heißt Erinnerung.
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* Kurzfassung von unter diesem Titel weitgehend freier Rede vorgetragenen Gedanken auf einer internationalen Wissenschaftlerkonferenz vom 18. bis 30. Juli 1992 in Klaipėda anläßlich der 740. Wiederkehr der Gründung von Memel. - Die beiden Zitate am Beitragsende zur Geschichte und Geschichtswissenschaft als Elemente der Menschlichkeit sind entnommen aus H. Heimpel, Gegenwartsaufgaben der Geschichtswissenschaft, in: Ders. Kapitulation vor der Geschichte? Göttingen, 1960, S. 55-56.
  






Quelle:

Klaipėdos miesto ir regiono archeologijos ir istorijos problemos, Klaipėda, 1994, p. 46–49. – (Acta Historica Universitatis Klaipedensis; 2).

 

   

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