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Philipp Ruhig




Betrachtung der Littauischen Sprache, in ihrem Ursprunge, Wesen und Eigenschaften

(Die Fragmente)
Das erste Capitel.
Von der Gelegenheit zu dieser Schrift.

       Die Gelegenheit zu dieser Schrift hat mir der Anno 1702. zwischen einigen geschickten Littauischen Predigern anhaltende Streit gegeben, welcher über diese Frage entfund: Wie man Littauisch cum vulgo reden solle? Herr D. Friedr. Deutsch hatte solche, als Oberhofprediger, dem Pfarrern und Seniorn in Gumbinnen, Mich. Morlino, bewilliget; zween andere Prediger aber, namentlich, Jac. Perkuhn, in Walterkehmen, nochmaliger Erzpriester zu Insterburg, und Johann Keimel, Pfarrer zu Nemmersdorf, widersprachen denen Schriften Morlini schriftlich. Jener bezeugete, daß Morlinus nicht cum vulgo rede; dieser wollte eine Societatem Lituanico-philologicam zum Grunde haben. Ich studirte eben damals zu Königsberg, und machte mich für Herrn Morlinum partheyisch, durch eine Gratulation, so unter zehen Littauischen Fabeln gedruckt wurde, allwo den Fleiß desselben also rühmete: Gumbinnen wird gewiß wie Orleans gepriesen, und unser Littausch Rom, Athen und Breßlau seyn. In währendem Streite wurde, als ein Candidatus Ministerii Lituanici, in Königsberg, oft zum Herrn D. Deutsch gerufen, und wegen einiger vorkommenden speciellen Sreitsfragen in der Littauischen Sprache befraget, und endlich mir aufgelegt, ich solle mich in der Sprache üben, und etwas davon schreiben. Ich bediente mich dazu derer publiqven und privaten Bibliothecken. Als ich aber Anno 1708. zum Predigtamt hergeschickt wurde, ward, durch Pest und andere Plagen, meiner Schrift ein Stillschweigen aufgelegt, bis durch GOTTes Gnade die neue Uebersetzung der Bibel und Lieder herfür kam, und auch mir aufgetragen wurde; da denn etliche vornehme Gönner mir anriethen, diese meine Gedanken zu publiciren, wozu aber die Lateinische Sprache, darinnen sie verfaßet war, hinderlich fiele; daher ich solche, auf eines vornehmen Gönners in Königsberg Rath, so ferne es die Kräfte zugelaßen, Deutsch übersetzet, und nunmehro wünsche, daß es zu wahrer Beurtheilung dieser Sprache vielen Lesern nützen, und einige, die nebst ihr, auch Polnisch, Griechisch und Rußisch verstehen, aufmuntern möge, die Sache genauer auszuführen. Ich werde meine gute Meynung mit dem etwanigen Rabbinischen Urtheil: Du hast dich in tiefe Waßer eingelaßen, und Muschelschaalen herfür gebraucht, zu verschonen bitten.

Das zweyte Capitel.
Von dem Worte: Littauen, oder Littauisch.

       Die Littauische Sprache wird genennet von dem Orte und Völkern, welche diese Sprache gebrauchen, in dem Großfürstenthum Littauen und Semaiten, aber auch in etlichen Districkten des Königreichs Preußen, als Sallavonien, Nadrauen, Natangen, in denen Hauptämtern Insterburg, Ragnit, Tilse, Labiau, und theils auch anderen. (...)

Das neunte Capitel.
Noch von einigen Unverwandten der Littauischen Sprache.

       (...)
       Die alte Preußische Sprache ist mit der Littauischen auch verwandt. Außer der jetzigen Curländischen, kann man von ihr aus dem Altpreußischen Catechismo urtheilen, da zwar einige eigene, dennoch die mehreste Littauische Worte mit Deutschen, Polnischen und Lateinischen vermenget gewesen. Unter die eigene gehöret aus dem 1545 gedruckten Preußischen Catechismo: Nascilie der Geist. Unter dit Littauischen, in jedem Gebot: Tu tur; tu ne tur, du sollt; du sollt nicht. Ferner: Kittans Diewans turretwey, ist: Kittus Diewus turreti, und so ferner. Zu den Deutschen gehöret, z. E. im zehenden Gebot, adder, heißet oder; Im zweyten Articul: Jungprawa, heißet Jungfrau. Zum Polnischen gehöret im zweyten Gebot Emnen, Imię, der Name. Zum Lateinischen, im zehenden Gebot: Peku, pecus, das Vieh.
       Hierbey wird nicht verdrüßlich seyn, auch einige Preußische mit dem Littauischen übereinkommende Wörter zu lesen, die Praetorius aus Grunovio anführet, welche aber noch nicht ausmachen, ob diese beyde als dialecti, subdialecti, oder mit vernünftigen analogischen Grammatischen Gründen von einander unterschiedene Sprachen seyn. Z. E.

Preußisch. Littauisch. Deutsch.
Angol Angels der Engel
Maista Miestas die Stadt
Caymo Kiemas Dorf
Wunda Wanduo Waßer
Pewo Pywas Bier
Wizga Awiza Haber
Walge Walgikit' eßet
Wyms Wemk köcken, sich brechen
Craga Krugas Krug oder Kanne
Docti Dukte Tochter
Tawe Tews Vater
Deyn Deina Tag
Widra Wetra Wind, Sturm
Galbo Galwa das Haupt
Rancko Ranka Hand
Grekoy Griekai Sünden
Pasoggu Pasninks die Fasten
Meikte Megas der Schlaf
Labbis Lobis Güter
Paute Pautas ein Ey
Gnapsen Knapes Hanf
Woikello Waikelis ein Knab, Junge
Lapimma Lepimmas Befehl
Comatir Kūmas Gevatter
Mergus Merga Magd
Warum Waras Kupfer

       Ob die Littauische Sprache ein dialectus der Preußischen sey, wie Hartknoch, pag. 56. schreibet, und die Preußische aus der Lateinischen herkomme, wie er pag. 98. meynet, mögen die Gelehrten ausmachen. Anno 1545. schreibet der Autor der Vorrede des angeführten Catechismi, wie die damalige Littauen mit den unterschiedenen dialectis der Preußen sich verstehen. (...)

Das dreyzehnte Capitel.
Von der Weite und Breite der Littauischer Sprache.

       Ob sich zwar die Littauische nicht sonderlich breit machen kann, wie vormals die Lateinische, oder nunmehre die Deutsche oder Französische, so hat sie dennoch nicht allein den engen Ort im Preußischen Littauen ein, welcher aus etlicher Hauptamtern bestehet, als Insterburg, Labiau, Ragnit, Tilsit (darinnen das Sclavonien auf accuraten Karten scheinet Sallavonia zu heißen, von dennen daseihit vielen Sallos, oder befindlichen Inseln,) und Memel; sondern ersirecket sich auch durch das ganze Semaiten und Großherzogthum Littauen. Zu geschweigen, daß auch in andern Orten von Preußen, gegen Königsberg, dieselbe sich eindringet, und gepredigt wird. Man verachtet aber diese Sprache ohne Grund, daß sie von andern zusammen geflicket sey, zumal solches auch andern Sprachen wiederfähret, ohne, daß siie doch darum nicht ohne einer analogia Grammat. befunden werden. Indeßen geschiehet der Gebrauch aus dem Deutschen und Polnischen oft von denen sich damit prahlenden Littauern, ohne Noth, wenn sie z. E. für grecznas Arklys, ßtotliks stattlich, sagen: für ne tinka, nesißikkawoja es schickt nicht, und dergleichen. Inmittelst hat diese Sprache so viel eigene Wörter, Redensarten, und ordentliche unalogische Strucktur, daß, wenn wenige Polnisch- oder Deutschverwandte Wörter ausgenommen werden, es dennoch eine Sprache bleibt; wie Holländisch vielweniger ohne Deutsch, und Französisch ohne Latein, bestehen kann.

       (Quelle: Betrachtung der Littauischen Sprache, in ihrem Ursprunge, Wesen und Eigenschaften : Aus vielen Scribenten, und eigener Erfahrung, mit Fleiß angestellet, und zu reiferer Beurtheilung der Gelehrten, zum Druck gegeben / von Philipp Ruhig, Pharrern und Seniore zu Walterkehmen, im Hauptamt Insterburg. - Königsberg: druckts und verlegts Johann Heinrich Hartung, 1745. - 88 s. [Seiten: 3-5, 51-54, 66-67])

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