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Harry Stossun




Die Umsiedlung der Litauer aus dem Memel- und Suwalkigebiet (Januar bis März 1941)

Zusammenfassung

Die Umsiedlungen, die während des Zweiten Weltkrieges vorgenommen wurden, sind eine fortwirkende Folge des Hitler-Stalin-Paktes. Das Nationalitätenprinzip sollte umgesetzt werden, das heißt, man strebte eine Anpassung des Volkstums an die vorhandenen und neugeschaffenen Staatsgrenzen an.

Zwischen 1939 und 1943 schloß das Deutsche Reich mit osteuropäischen Staaten 15 Umsiedlungsverträge, davon waren 12 einseitig. Drei Verträge (über Polen vom November 1939, über Kroatien vom August 1943 und über Litauen vom Januar 1941) sahen einen Bevölkerungsaustausch vor. Im Gegenzug zur Umsiedlung der Deutschen aus Litauen wurden Personen litauischer, russischer und belorussischer Volkszugehörigkeit aus dem Memel- und Suwalkigebiet ausgesiedelt.

Die Quellenlage zu diesem Thema ist etwas problematisch. Es standen nur die in Deutschland lagernden Akten zur Verfügung. Es sind Unterlagen aus dem Archiv des Auswärtigen Amtes und Akten der Gestapo (Geheime Staatspolizei).

Die Entstehung des Umsiedlungsvertrages

Die Umsiedlungen aus Litauen und aus dem Memel- und Suwalkigebiet wurden im selben Vertrag festgeschrieben. Laut dem Geheimen Zusatzprotokoll zum deutschsowjetischen Protokoll vom 28.09.1939 sollte nicht das ganze litauische Staatsgebiet zur Sowjetunion gerechnet werden. Ein schmaler Grenzstreifen wurde Deutschland zugeschlagen. Die Gründe für diese eigenartige Regelung sind nicht klar, vermutlich wollte Deutschland das Hauptsiedlungsgebiet der Litauendeutschen schon dem Reich angliedern.

Die Zukunft dieses Gebietes blieb zunächst unklar.

Am 22. Juni 1940, also kurz nach der sowjetischen Besetzung Litauens, wurden die seit Herbst 1939 bestehenden Umsiedlungspläne konkretisiert. Erstmals taucht hier in den Akten auch der Gedanke an einen Bevölkerungsaustausch auf.

Die Gespräche über die von der Sowjetunion gewünschte Abtretung des Anspruchs auf den Gebietsstreifen dauerten bis zum Januar 1941. Lange Verhandlungen gab es auch über den Vermögensausgleich für zurückgelassenes Umsiedlergut. Die Sowjetunion sollte schließlich für das in den baltischen Staaten zurückbleibende Vermögen 200 Millionen Reichsmark zahlen, davon waren 50 Millionen für den im Memel- und Suwalkigebiet zurückbleibenden Besitz abzuziehen.

Der Ablauf der Umsiedlung

Hauptvertreter auf der deutschen Seite war der Gauleiter und Oberpräsident der Provinz Ostpreußen, Erich Koch. Hauptbevollmächtigter auf Seiten der Sowjetunion war Slotschewski. Das sowjetische Umsiedlungskommando bestand aus 159 Personen. 21.306 Personen ließen sich registrieren (6.572 aus dem Memel- und 14.734 aus dem Suwalkigebiet). Ziel der deutschen Stellen war es, das Memelgebiet von "einer fremdstämmigen Minderheit zu säubern" (Gestapo-Bericht). Man übte auch mit polizeilichen Mitteln Druck aus. Die Angehörigen des sowjetischen Kommandos versprachen ein besseres Leben in Sowjet-Litauen.

Der Verbleib der Umsiedler

Die Umsiedler wurden auf verschiedene Städte verteilt oder als Land-und Waldarbeiter eingesetzt. Die wirtschaftliche Lage war sehr schlecht. Einige Personen meldeten sich gleich wieder beim deutschen Umsiedlungskommando, um nach Deutschland zurückzukehren. Sie wurden abgewiesen. Einige Umsiedler aus dem Memel- und Suwalkigebiet hatten deutsche Höfe zugewiesen bekommen. Als in den Jahren 1942-1944 über 20.000 Litauen-deutsche als Vorboten einer umfassenen Kolonisation nach Litauen zurückkehrten, mußten die Umsiedler aus dem Memel- und Suwalkigebiet ihre Häuser wieder verlassen. Die wirtschaftliche Lage dieser verdrängten Personen war sehr schlecht.

Die Litauer, Russen und Weißrussen, die zwischen Januar und März 1941 das Memel-Gebiet verlassen haben, taten dieses nicht freiwillig. Die tatsächliche Ausführung des Artikels 1 der Umsiedlungsvereinbarung vom 10.01.1941 machte den auf dem Papier zugesicherten freien Willensentscheid zur Illusion.

  






Quelle:

Klaipėdos miesto ir regiono archeologijos ir istorijos problemos, Klaipėda, 1994, p. 57–58. – (Acta Historica Universitatis Klaipedensis; 2).

 

  

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