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Dr. F. Tetzner (Leipzig)




Das litauische Sprachgebiet

(Hierzu eine Karte als Sonderbeilage)1).

1. Geschichtliches. Zur Zeit seiner nationalen Selbständigkeit umschloß das Großfürstentum Litauen sämtliche litulettische Sprachstämme, ja auch große Teile Polens, Weiß- und Großrußlands; wie weit aber das litauische Sprachgebiet in jenem gewaltigen Reiche sich erstreckte, das zeitweise vom Baltischen zum Schwarzen Meer und von Moskaus Marken bis zu den Nebenflüssen der Weichsel reichte, wird nie erhellt werden. Man vermutet, nicht ohne Grund, daß einst auch in Smolensk und Mohilew des baltischen Volkes Laut erscholl, in Witebsk und Minsk giebt es noch heute streckenweise litauische Priester.

Zu Beginn der Völkerwanderung hatte sich, nach Abzug der Goten, der baltische Sprachstamm, der Litauer, Letten und Preußen umschloß, von der Weichsel bis über Livland verbreitet; die östliche Grenze verlor sich unter russischen und polnischen Stämmen, die westliche bildete das Baltische Meer, dem die Litauer den Namen gaben. Jetzt hat man den Namen des Meeres wieder auf die Völker übertragen, die sich von den anwohnenden Germanen und Slaven in der Weise geschieden haben, daß sie nach Aussonderung der Romanen und Kelten zunächst noch in Sprachgemeinschaft mit jenen beiden blieben, nach Ausscheidung der Germanen und später der Slaven aber am dauerndsten noch die indogermanische Flexion bewahrten. Die Bezeichnung Balten für im Baltenland lebende Deutsche ist in keiner Weise zu rechtfertigen; „deutsche Balten“ wäre angängig.

An die Preußen schlossen sich im Süden und Westen Polen, an die Letten im Norden uralaltaische Völker an, wie Liven, Esthen, Kuren, Finnen. Die Litauer wohnten zwischen Letten und Preußen und zerfielen wieder der Sprache nach in verschiedene Unterabteilungen; die eigentlichen Litauer, auch Hochlitauer genannt, wollten und wollen nicht mit den den Letten am nächsten wohnenden Schameiten verwechselt sein. Diese wieder glauben etwas Besseres zu sein als die Gudden. Die gebildeten Schameiten selbst rechnen nur die Kreise Telschi, Rossieny und Schaulen zu ihrem Sprachgebiet, nennen alle anderen: Litauer, die Deutschlitauer aber Prusai (Preußen) und die Preußen Woketai (Deutsche). Die Jatwiger um Grodno und im Quellgebiet der Scheschuppe sind dem Namen nach untergegangen. Der Name Gudden, der für die russischen Hochlitauer im Kreise von Suwalki gebraucht worden ist, dient anderen zur Bezeichnung der Weißrussen.

Die Ordenskämpfe brachten dem Preußenvolke den Untergang, den Letten und Litauern Bedrückung. Das preußische Sprachgebiet in West- und Ostpreußen schmolz seit dem nationalen Unterliegen 1283 rasch; im 16. Jahrhundert übersetzte man noch den lutherischen Katechismus, Ende des 17. Jahrhunderts hatte das Deutsche alle Spuren einer besonderen Sprache vertilgt, eine Anzahl Worte aber in den eigenen Sprachschatz aufgenommen. Nach Bezzenbergers Ausführung kann die Grenze zwischen Litauern und Preußen noch jetzt angedeutet werden, wenn man die preußischen Dörfer auf keim (= deutsch: heim) von den litauischen auf kemen trennt.

Die Letten, die unter dem Litauerkönig Mindaugas in der Mitte des 13. Jahrhunderts an der Seite des Brudervolkes gegen die gemeinsamen Ordensfeinde gefochten hatten, hielten sich nur schwer gegen die Rigaer Deutschen. Als Bauern teilten sie mit den Esthen und Liven das harte Loos der Leibeigenen und Scharwerker in Kur-, Liv- und Esthland. In unserem Jahrhundert aber raffte sich der Sprachstamm auf und schuf rasch eine nationale Litteratur. Die Bedrückung von seiten der Zarenbeamten zeitigte stillschweigend ein Bündnis, begründet auf die konfessionellen Unterschiede der griechisch-katholischen Bedrücker und der evangelischen Bedrückten. Deutsche, Esthen und Letten sahen sich als gemeinsam Verfolgte an, die Gemeinsamkeit erzeugte Stärke und Widerstand. Die Nationen grenzten sich scharf gegen die russische ab, heute haben die Letten sogar ein Theater in Riga. Die Zahl der Letten wird verschieden angegeben, man schwankt zwischen einer und zwei Millionen.

Das litauische Sprachgebiet nun umfaßte noch Mitte des 17. Jahrhunderts ein Gebiet, das von folgenden Linien eingeschlossen ward: Königsberg, Slonim, Rjäschiza, Dünaburg, kurische Südgrenze bis Polangen, kurische Nehrung, Königsberg. Dabei lagen alle diese Städte mitten im litauischen Sprachgebiet, wenn auch in den Städten selbst die polnische und in Preußen die deutsche Sprache an erster Stelle herrschend waren. Besonders die Ostlinie (Slonim, Grodno, Wilna, Dünaburg) ist früher weiter der Beresina und dem Dnjepr zugekehrt gewesen. Für die Nordgrenze ist die Düna und die Gegend Dünaburgs von Interesse. Selbst litauische Patrioten, die doch dem ursprünglichen Sprachgebiet möglichst viel beirechnen möchten, nehmen Dünaburg mit seinen wenigen litauischen Bewohnern heute nicht mehr für sich in Beschlag. „Dort wohnen genau so Litauer, wie in Petersburg oder Moskau, sie sind eben eingewandert.“ In einem Bericht von 1603 aber wird wiederholt die litauische Bevölkerung in der Umgegend Dünaburgs erwähnt. Ich meine die „Wahrhafftige erschreckliche und unerhörte geschicht, so sich in Lifflandt (bezeichnete damals Kur-, Liv- und Esthland) zugetragen in das einige Gebiethe Dünborch (in Kurland), geschrieben durch Herrn Friedrich Engell, Pastore daselbsten“ (Jahresbericht d. Felliner litterarischen Gesellschaft 1889, S. 236 bis 241):

„4. zeugt Jochim Friedewoldt, das in einem Kruge an der Dühne, unter Ihr Fürstlich Gnaden gelegen, im Boroschen Oloff der Hoff zugehörig, ein Litauer Bauer ein Krüger gewesen; der hatt so viel Menschenfleisch gekochet und den überdünischen Pauren verkauft.“

„7. In der Sieckelsche Witme (Widdem = Predigerwohnung) ist ein Littower gewesen, alß der Pastor außgetzogen; der hatt seine Hunde und Katzen vertzehret, so woll einen lamen Jungen, Jahn Stuckens Schwester Sohn, noch ander 2 Persohnen, so woll auch des Pastorn Viehemagt, mit nahmen Anna, auffgefressen.“ —

„8. Diesen (Bauer Martin) hatt gemelten Littower sambt andern Dieben vom Galgen genommen und aufgefressen. Bezeugt Friedrich Engell, Pastor daselbst, hat solches am Tage Reminiscere erfahren und selbst gesehen.“

„28. Der Krüger ist ein Littower; darumb daß er 3 Gesind außgemordet und auffgefressen, auffs Rad gelecht. Testis Gothard Budtberchi.“

Aber noch heute wohnen nördlich von Dünaburg, bei Rjäschiza, in der Umgegend von Liskad, etwa 300 Litauer in 64 Gehöften der 11 Orte Gernokale, Jaudzimy, Kejdany, Olchowka, Pilwiele u. s. w.

Die geschichtlichen Ereignisse der letzten zwei Jahrhunderte waren nicht dazu angethan, die Sprache besonders zu pflegen. Der russische Teil war im Süden der polnischen, im Osten der Weißrussischen, im Norden und Westen der deutschen, im Innern anfangs der polnischen, später durch die Beamten der russischen Überflutung ausgesetzt. Und so schrumpften die Grenzen immer weiter zusammen. Heute liegen Grodno und Dünaburg, selbst Suwalki, aufserhalb des litauischen Sprachbereichs. Und die alte Königsstadt Wilna ist längst polonisiert. Von größeren Städten ist nur Kowno noch rings von litauischen Dörfern umgeben, in der Altstadt ist noch eine litauische Kirche. Die Bevölkerung der Stadt selbst aber ist polnisch, „die Intelligenz spricht die Sprache Warschaus, nur die Bauern haben ihre Vatersprache bewahrt“. Dasselbe Verhältnis hat nach Angabe des bekannten Weihbischofs und Schriftstellers Baronowski in allen Städten und größeren Orten Litauens statt. Die litauische Sprache erhält sich nur deshalb so lange, weil so wenig Eisenbahnen das Land durchfurchen. Zum Sprachgebiet gehören außer dem Gouvernement Kowno oder Samogitien die angrenzenden Teile der Gouvernements Wilna, Grodno und Suwalki und kleine Teile von Minsk und Witebsk. Freilich wird gerade in diesen Teilen das litauisch-polnisch-russische Sprachgemisch noch bunter durch die zahlreichen Deutschen und Juden. Wilna zählt unter 130000 Einwohnern 60 000 Juden, Kowno je die Hälfte von Wilna, Grodno gar unter 50 000 Einwohnern 40 000 Bewohner vom Stamme Sem. Und die Juden radebrechen alle Sprachen, das Deutsch an den Firmen kommt in folgender edler Gestalt vor: „Kaffe und Schokolad, Razizen, Harrschneiden, Parikmacherei, Resieren und Froasieren, Kosmeticus Waaren.“

Eine genaue Zählung und Sichtung der Bevölkerung nach Sprachen wäre ebenso unmöglich, als unfruchtbar. Man müßte denn diejenigen einer Sprache zuordnen, die eben nur eine Sprache kennen. Die Zahl derer ist jedoch in den Kreisen Wilna und Suwalki gering. Schon der regelrechte ausgedehnte Marktverkehr bedingt das Erlernen der notwendigsten Sprachen. Meine Wirtin in Kowno verstand die sämtlichen oben erwähnten Sprachen, außerdem das in besseren russischen Kreisen gebräuchliche Französisch. Etwas sprachfester ist die gesamte Landbevölkerung des inneren Samogitiens, die wie die polnische größtenteils römisch-katholisch ist und schon deshalb zur griechisch-katholischen Beamtenwelt in Gegensatz steht. Daß die litauische Sprache überhaupt dort noch nicht zum Trödel der Rumpelkammer zu zählen ist, bedarf nur eines Hinweises auf die 1500 litauischen Priester, die jenseits der preußischen Grenze wirken. Diese Zahl ist nicht zu unterschätzen, wenn man bedenkt, wie spärlich dort die Kirchen gesäet sind. Im nördlichen Teile Samogitiens giebt es auch griechisch-katholische Litauer und an der Grenze evangelische. So scheiden sich in Russisch-Krottingen streng die katholischen Schameiten von den eingewanderten evangelischen Litauern.

2. Grenzen. Die litauische Sprachgrenze in Rußland umschließt etwa 11/2 Million Litauer; sie beginnt bei Dubeningken an der Grenze, berührt das Quellgebiet der Scheschuppe nördlich von Suwalki, zieht sich nördlich von Grodno hin (im ganzen Gouvernement 2180 Litauer) und erreicht das Njementhal, die südlichsten versprengten litauischen Gemeinden wohnen im Kreise Slonim (1886: 1156 Litauer in Pogirren und Zetela). Dann wendet sich die Grenze nördlich nach Nowagrodek im Gouvernement Minsk, wo ebenfalls inmitten von Polen und Weißrussen verstreut litauische Bevölkerung haust. Nach Norden hin trifft die Grenze auf den Kreis Oschmiana, woselbst in Lasduny die Beichte litauisch abgehört wird. Nun schließt die Grenze die alte Großfürstenstadt Wilna aus und mündet an der samogitischen Grenze bei der Disna ein. An der Düna wendet sich die Grenze zu einigen entfernten Dörfern im Kreise Rjäschiza (etwa 400 Litauer im Gouvernement Witebsk), umgeht Dünaburg und mündet in die kurländisch-samogitische Grenze ein. Auch auf der kurischen Seite wohnen noch Litauer, mit Letten und Deutschen vermischt. Die angegebene Süd- und Ostgrenze umschließt aber nur die äußersten Gemeinden, die Hauptbevölkerung ist polnisch und weißrussisch. – Nicht in Betracht kommen die litauischen Kolonieen, so die in Petersburg, wo regelmäßiger Gottesdienst in der katholischen Katharinenkirche stattfindet. Ebenso die nordamerikanischen Kolonieen in Plymouth, Chicago, Mahanoy City, New-York, Kanada; ihre Zahl soll 1/2 Million betragen, 1895 besaßen sie 15 Kirchen und 5 Schulen.

Die litauische Sprache wird in Rußland nicht in der Schule gelernt, die gebildeten litauischen Söhne auf den kurischen und polnischen Gymnasien kommen aber unter sich zusammen und pflegen litauische Lektüre und Grammatik. Da der Druck litauischer Bücher vor 30 Jahren von Murawjew in anderen als russischen Lettern verboten ward, beziehen sie ihre Litteratur aus Deutschland, wo 13, und aus Amerika, wo 9 Zeitungen erscheinen. Drei davon sind besonders für Rußland berechnet, sie sind hauptsächlich religiöser Art. Neuerdings aber pflegen einige für die Intelligenz berechnete Blätter, wie Varpas und Ukininkas Belletristik, Volks- und Landwirtschaft, Litteratur- und Kulturgeschichte; litauische Novellen und Dramen erschienen neben aufklärenden Schriften. Und die Zeitungen, die als Litteratur nur die Dainos, kirchliche Schriften und das „noch nicht wieder aufgefundene Bibelbruchstück“ neben Donalitius anführen und die litauische Litteratur damit für abgethan hielten, haben diesmal falsch prophezeit; es sind in den letzten Jahrzehnten litauische Litteraturwerke entstanden, die getrost in die Weltlitteratur eingereiht werden dürfen.

Die litauische Sprachgrenze in Deutschland ist im Laufe der Jahrhunderte nicht bloß zurückgedrängt, sondern auch durchbrochen und umschlossen worden, daß heute kaum mehr von einem geschlossenen litauischen Sprachgebiet die Rede sein kann. Ursprünglich waren die drei Landschaften Sudauen, Nadrauen und Scholauen rein litauisch. Der Orden vermehrte zuächst die Anzahl der deutschen Burgen; nach außen und von außen wurde germanisiert. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts gehörte noch alles Land nördlich vom Pregel bis nach Königsberg hin zum Sprachgebiet; und vom heutigen Regierungsbezirk Gumbinnen die Kreise Darkehmen und Goldap und was nördlich davon lag.

Friedrich der Große sagt, daß zu Anfang des 18. Jahrhunderts über 300 000 Einwohner durch Krieg und Pest umgekommen seien, durch seines Vaters Kolonisation aber das Land reicher und fruchtbarer als irgend eine andere preußische Provinz geworden wäre und 1/2 Million Einwohner zähle. Hiernach kann die Zahl der Litauer kaum bedeutender gewesen sein als heute, denn die herbeigerufenen Siedler waren Deutsche. Zufälligerweise haben wir ein Verzeichnis der Kirchspiele, in denen litauisch gepredigt wurde, aus dem Jahre 1719, also vor der deutschen Besiedelung. Wir sind so in der Lage, die damalige Sprachgrenze feststellen zu können. Das litauische Sprachgebiet umfaßt danach den Teil Ostpreußens, der nördlich von folgender Linie liegt: Labiau, Petersdorf, Norkitten, Muldschen, Jodlauken, Trempen, Darkehmen, Szabinen, Goldap, Dubeningken. In diesem Teile wirkten 62 litauische Pastoren, davon je zwei in Ragnit und Tilsit und drei in Memel. Außerdem gab es einen solchen in Königsberg, auch wohnten südlich von dieser Linie vereinzelt litauische Familien. Es spricht für die Zähigkeit des Stammes, daß Friedrich Kurschat 1876 in seiner Grammatik auf der Sprachkarte, wohl ohne Kenntnis jenes Berichtes von Lysius, die Grenze fast genau so wiedergiebt, nur hier und da zu gunsten des Volkes südlicher legt. Litauische Kirchspiele gab es damals in den Kreisen Memel, Heydekrug, Niederung, Tilsit, Ragnit, Pillkallen, Labiau, Insterburg, Goldap, Stallupönen, Gerdauen, Darkehmen, Gumbinnen, Wehlau. Heute (Februar 1897) läuft die Grenze der litauischen Kirchspiele, in denen allerdings auch schon der deutsche Gottesdienst vorwiegt, über Gilge am Haff (2000 Litauer im Kirchspiel neben 2300 Deutschen), Laukischken (1500), Mehlauken (1500), Popelken (1800), Berschkallen (80), Insterburg (30), Georgenburg (30), Aulowönen (80), Grünheide (200), Pelleningken (20), Kattenau (80), Stallupönen (50), Bilderweitschen (150 Evangel. und 550 Kath.), Göritten (50), Enzuhnen (20), Pillupönen (350), Melkemen (54), Szittkemen (250), Dubeningken (200). – Völlig deutsch sind die angrenzenden Kirchspiele, von denen ich namentlich hervorhebe: Tolminkemen, Walterkemen, Ballethen, Gawaiten, Schirgupönen, Niebudschen, Obelischken, Plibischken, Labiau. Vereinzelte Litauer aber leben in allen Kreisen Ostpreußens (etwa 1000) und in allen Staaten Deutschlands. Ausgeschieden sind also die Kreise Gerdauen, Darkehmen, Gumbinnen, Wehlau. Im Kreise Stallupönen wird an den großen Feiertagen und Sommers allvierzehntägig in den Gemeinden Stallupönen, Kattenau, Enzuhnen, Göritten, Melkemen und Pillupönen gepredigt, doch kommt in Göritten, Enzuhnen und Melkemen selten die erforderliche Anzahl zusammen, so daß man sich auf zwei- bis viermalige Kommunion beschränkt. In Bilderweitschen wird nur in der katholischen Kirche noch litauisch gepredigt.

In der Diöcese Goldap sind nur die beiden Grenzdörfer Szittkehmen und Dubeningken übrig geblieben, das erste Kirchspiel gewährt im Sommer regelmäßig Kommunion, das letzte viermal in litauischer und daneben in polnischer Sprache.

Im Kreise Insterburg liegen die Verhältnisse ähnlich. In den oben genannten Grenzkirchspielen findet alljährlich noch ein- oder einigemal Predigt mit Abendmahl statt, in der Stadt Insterburg, außer im Zuchthausgottesdienst, nur halbjährlich. Gegenwärtig sind es insgesamt 440.

Im Kreise Labiau ist die Osthälfte noch stark litauisch (1897: 10 060 Litauer); die kirchlichen Handlungen finden noch regelmäßig in beiden Sprachen statt, litauische Konfirmation aber giebt es in den vier zuletzt genannten Kreisen überhaupt nicht mehr.

Als litauische Kreise verbleiben also vorläufig Memel, Heydekrug, Niederung, Tilsit, Ragnit und Pillkallen; letzteres mit Ausnahme einiger südlichen rein deutschen Kirchspiele. In diesen Kreisen wird überall noch litauischer Gottesdienst gehalten, wenn auch meist selten gegenüber dem deutschen, litauische Konfirmation hingegen findet nur in einer beschränkten Anzahl Kirchspiele der ersten fünf Kreise statt, so in Krottingen, nördlich von Memel, das neben 400 Deutschen 4800 Litauer zählt und woselbst auf 15 deutsche etwa 100 litauische Konfirmanden kommen. Im Kirchspiel Schwarzort auf der Nehrung leben neben 200 Deutschen etwa 20 Litauer und 180 Kuren; das sind Letten mit lettischer Umgangs- und litauischer Kirchensprache. Letten wohnen noch in den Küstendörfern Krottingens und des Landkirchspiels Memel, mit 6000 Deutschen und ebensoviel Litauern, in Bommelsvitte, Mellneraggen, Karkelbeck, desgleichen in Schwarzort und Nidden (mit Preil und Perwelk), wo unter 914 Bewohnern 800 Letten, 100 Deutsche, der Rest Litauer sind, 3/5 davon besuchen den deutschen, 2/5 den litauischen Gottesdienst.

Aber auch innerhalb des oben begrenzten Gebietes kann eigentlich nur von litauischen Oasen gesprochen werden. Die Städte, die Eisenbahn- und Poststationen, die größeren Orte sind fast rein deutsch der Sprache nach. Die Zahl derer, die deutsch nicht verstehen, ist äußerst gering. Die Volkszählung kann kein genaues Bild gewähren, weil die meisten Litauer beide Sprachen sprechen. Das Belieben oder die Gesinnung des Zählers kann da willkürlich darstellen. Solche litauische Oasen sind zunächst die ganze Gegend nördlich der Scheschuppe, Memel, Gilge, ferner die Ostküste des Haffs und die sich anschließenden Dörfer östlich von Labiau. Schließlich die ganze Grenze, besonders die Lasdehner Gegend. Die Kreise Tilsit und Ragnit haben wegen der größeren deutschen Städte eine verhältnismäßig kleine Zahl Litauer, dagegen sind die beiden Kreise Memel und Heydekrug mit Ausschluß der Stadt fast rein litauisch. Der Memeler Kreis hatte nach A. Kurschat 1890 mit Einschluß der deutschen Stadt 42,5 Proz. = 25 283 Litauer, Heydekrug 59,9 Proz. = 25 244, Tilsit mit Einschluß der deutschen Stadt 34,8 Proz. = 24 965, Ragnit 25 Proz. = 13798, Niederung 21,3 Proz. = 11888, Pillkallen 14 Proz. = 6 597. Im März 1897 lebten Litauer in den Kreisen Memel: 24 464, Heydekrug 26 362, Tilsit 27 004, Ragnit 16 324, Niederung 9680; Pillkallen 4607, Labiau 10060, Insterburg N 440, Stallupönen NO 1302, Goldap 450. Von den 78 deutsch-litauischen Kirchengemeinden waren 67 evangelische mit 116 998, 7 katholische mit 3295 und 4 baptistische mit 400 Litauern.

Die Gesamtheit der Litauer in Ostpreußen betrug bei allerdings nicht ganz gleichmäßiger Zählweise

1831: 125 440 (A. Kurschat),
1848: 150 580 (M. Voelkel),
1864: 146 312 (Dr. Oesterreich),
1878: 131 415 (M. Voelkel),
1890: 118 090 (A. v. Fircks),
1897: 120 693 (eigene Zählung),

(121 345 in ganz Preußen; A. Kurschat giebt für Ostpreußen an: 121 265).

Die Litauer selbst meinen, die Zahl sei zu niedrig, sie schätzen sich auf 200 000. In Petersburg wohnen (1894) etwa 1730, in Tilsit (1897) 1500, in Memel 1000, in Berlin (1890) 705, in Königsberg 469, in Labiau (1890) 13 Litauer; heute ist das Litauertum daselbst erloschen.

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1) Die heutige Sprachgrenze des preußischen Litauens ist auf Grund von Fragebogen bearbeitet, die von den Geistlichen der litauischen Kirchspiele ausgefüllt wurden. Den Herren Pastoren sei hiermit herzlich gedankt.
Die Grenze von 1719 ward nach den Unterschriften des Lysiusschen Katechismus entworfen, die von 1690 reichte, nach Angaben Lepners u. A., noch über den Schaakener Kreis bis zur Nehrung.
Die litauische Sprachgrenze in Rußland ward nach den Berichten von Fr. Kurschat, E. Wolter, Smilgewicz u. A. gezeichnet, welch’ beiden Letzteren ich verschiedene Angaben verdanke.
Im preußischen Litauen ist die Sprachgrenze von 1848, um die Übersichtlichkeit nicht zu stören, nicht ausgeführt worden. Sie würde folgenden Verlauf nehmen: Labiau, Laukischken, Plibischken, Norkitten, Obelischken, Jodlauken, Didlacken, Ballethen, Darkehmen, Kleschowen, Gawaiten, Tolminkemen, Dubeningken. (Vergl. die Zahlen in den Mitt. d. litter, lit. Ges. II, 1 bis 14.)

 
 
 
 
 
Quelle:

Globus. Illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde. Vereinigt mit der Zeitschrift „Das Ausland“ / Herausgeber: Dr. Richard Andree, Braunschweig: Verlag Von Friedr. Vieweg & Sohn, 19. Juni 1897, Bd. LXXI, Nr. 24, S. 381–384.

 

 

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