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Petronėlė Žostautaitė




Das Memelland in den Jahren 1923–1939

Zusammenfassung

Im Jahre 1919 ist ein Teil des am rechten Ufer gelegenen Territoriums von Klein-Litauen, genannt Memelland, auf Grund des Artikels 99 des Versailler Vertrages von Deutschland abgetrennt worden. Deutschland, indem es diesen Vertrag unterzeichnete, verzichtete auf alle Rechte dieses Territoriums. Dieses Gebiet wurde provisorisch infolge der unklaren politischen Lage Litauens im Namen der Ententenmächte von Frankreich administriert.

Während der französischen Regierung 1920–1923 ist die Idee der Gründung der „Freistadt Klaipėda“ unter dem französischen Protektorat aufgekommen. Diese Idee wurde wegen der Schwierigkeiten der ökonomischen Krise nicht verwirklicht. Frankreich unterstützte aktiv die polnisch-französische Konzeption, deren Ziel darin bestand, daß beide Staaten sich an der Ostsee befestigen konnten, Nach dieser Konzeption könnten das Memelland und der Hafen Klaipėda nur unter Bedingung Litauen angegliedert werden, wenn Litauen einverstanden wäre, den Nemunas zu internationalisieren, einen polnischen Vertreter in die Administration des Hafens zuzulassen, wenn Litauen eine freie Zone für Polen vorsehen und föderative Beziehungen mit Polen aufnehmen würde.

Die Regierung Litauens hat die ihr nicht annehmbaren Vorschläge und Projekte abgelehnt, sie sträubte sich gegen die polnisch-französische Vormundschaft, unternahm entschlossen die Rückgewinnung des allen historisch litauischen Landes und strebte danach, die Frage des Ausganges zum Meer zu lösen. Die günstig gewordene internationale Lage hat Litauen zu den entscheidenden Handlungen veranlaßt: 1922 wurde Litauen de jure anerkannt, unterschiedliche Interessen Englands kamen zum Vorschein, die Verstärkung des Einflusses der USA in Europa, die günstige Position des Sowjetrußlands, der geheime Ansporn Deutschlands, das Memelland Litauen einzugliedern.
Das Oberste Komitee zur Rettung von Klein-Litauen in Šilutė (Heydekrug), den 9. Januar, 1923. Sitzen: V. Šaulinskas, J. Lėbartas, M. Jankus, J. Vanagaitis. Stehen: S. Darius, Ivaškevičius, Marcinkevičius, J. Pranskus

Aus den litauischen führenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Klaipėda, aus M. Jankus, J. Lėbartas, J. Strekis, V. Šaulinskis, J. Bruvelaitis, wurde das Oberste Komitee zur Rettung von Klein-Litauen gebildet, um den bewaffneten Aufstand gegen Franzosen zu leiten. Um den Erfolg zu sichern, wurden heimlich die Einheiten der regulären Armee Litauens, verkleidet als Zivilisten, herangezogen. Mit vereinigten Kräften der Aufständischen von Klaipėda und des Militärs wurde Klaipėda am 15. Januar 1923 genommen. Die Franzosen verließen Klaipėda am 19. Februar 1923 und damit wurde die französische Okkupation beendet.

Am 16. Februar 1923 haben die Ententenmächte die Souveränität Litauens im Memelland anerkannt. Sie trat nach der Unterzeichnung der Konvention des Memellandes am 28. Juli 1924 und deren Ratifizierung am 25. August 1925 endgültig in Kraft, die seit dieser Zeit internationale Geltung hatte.

Der Anschluß des Memellandes an Litauen war von großer Bedeutung. Litauen wurde ein Seestaat. Der Hafen von Klaipėda war für Litauen ökonomisch lebenswichtig. Von Anfang an stellte sich die Regierung Litauens eine Aufgabe, ihre ökonomischen Positionen in Memelland zu stärken und allmählich verschiedene Zweige der Wirtschaft und den Hafen in die allgemeine Ökonomik Litauens einzugliedern, sowie das lange nicht nur ökonomisch, sondern auch gesellschaftlich-kulturell verschiedene Leben zweier historisch verschiedener Territorien auszugleichen. Einer der kompliziertesten Umstände der litauischen Regierung war es, daß ein ökonomisch höher entwickeltes Land an die weniger entwickelte Republik Litauen angeschlossen wurde. Deutschland betrachtete aber das Memelland als das zeitweilig von Deutschland entrissenes Territorium. Es strebte danach, eigene Positionen für Litauen nicht zu überlassen und sie noch mehr in ökonomischer und politischer Hinsicht auszubauen. Es begann ein ungleicher Kampf zwischen Litauen und Deutschland um das Memelland.

Mit der Konvention und mit dem Statut von Klaipėda wurden die autonomen Beziehungen des Memellandes mit dem Staat, seine Teilnahme an dem gemeinsamen Leben des Staates und die innere Ordnung des autonomen Landes festgelegt. Diese Rechtsakten wurden in Eile verabschiedet, ihre Artikel umfaßten viele Bereiche des Lebens nicht, manche von ihnen waren nicht genug argumentiert formuliert und bildeten Anlaß zu verschiedenen Interpretationen.

Das Memelland erhielt weite Autonomierechte. Es erhielt das Recht, autonome Machtorgane zu haben: das Gesetzgebungsorgan, den Landtag, der von der Bevölkerung für drei Jahre gewählt wurde und die exekutive Macht, das Direktorium. Diese Organe waren für Selbstverwaltungsämter im Lande, für Beamtentum, für Gerichte, für Schulen, für Kirche, für autonome Polizei, für Gesundheitsschutz, für öffentliche Arbeiten, von lokaler Bedeutung zuständig. Die Kompetenz der Republik Litauen war im Lande sehr beschränkt. Der Republik gehörten die Beziehungen mit dem Ausland, Landesverteidigung, Staatssicherheit, Nachrichtenwesen, der zentrale Verkehr, Zoll, Akzise, Monopolrecht, Pressekontrolle und die Ordnung der Einberufungen von Versammlungen. Die Interessen der Republik vertrat im Lande der vom Präsidenten ernannte Gouverneur.

Die Interpretation der Konvention des Statuts von Klaipėda gehörte den Signatarmächten, die diese Rechtsakte unterzeichnet hatten, die endgültige Entscheidung aber dem internationalen Tribunal. Bei der Entstehung der Meinungsunterschiede wegen der Vollführung des Statuts hatten die Leiter der autonomen Ämter und die Bürger das Recht, sich an die Mitglieder des Rates des Völkerbundes, also auch an Deutschland, das 1926 Mitglied wurde, mit den Beschwerden gegen die zentrale Regierung Litauens zu wenden. Also durch das Statut wurden die Beziehungen des Memellandes zu Deutschland legalisiert. Dieses Recht erlangte große politische Bedeutung. Es entstand ein widerspruchsvoller Zustand: die Signatare behielten sich das Recht, die Vollführung der Konvention und des Statuts im Memelland, die Regierung Litauens war für den Bruch der Konventionsartikel gegenüber den Signataren den Mitgliedern des Völkerbundes verantwortlich, die autonomen Machtorgane des Landes aber trugen keine Verantwortung.

In dem autonomen Memelland blieben mit wenigen Ausnahmen die alten Gesetze Deutschlands, das Administrations-, Gerichts- und Bildungssystem mit dem Beamtenpersonal, ökonomische und kulturelle deutsche Einrichtungen und Organisationen, mit deren Hilfe Deutschland seine Politik verwirklichte, weiter bestehen. Das bedrohte ernst die Souveränität Litauens in Memelland.

Laut dem Artikel 27 des Statuts wurden die deutsche und die litauische Sprachen zu Staatssprachen erklärt. Die von alters her herrschende soziale und kulturelle Übermacht der Deutschen hatte es bestimmt, daß die Mehrheit der Litauer gezwungen waren, sich mit dem Schutz der Rechte der eigenen Sprache zu befassen. Das hatte Zusammenstöße nicht nur zwischen den Völkern, sondern auch zwischen der autonomen und zentralen litauischen Regierung hervorgerufen.

Das Memelland war klein. Es umfaßte 2848 km2. Es bildete 5,1% der gesamten Fläche Litauens. Nach der Volkszählung von 1925 lebten im Lande 141 645 Einwohner oder 6,0% der Gesamtbevölkerung Litauens. Von der gesamten Bevölkerung bildeten Litauer zusammen mit Memelländern 71963 oder 50,8%, die Deutschen 59 845 (45,2%), die anderen 10 817 (4,0%). In der Stadt Klaipėda wohnten 35 845 Menschen, davon 10 817 (30,3%) Litauer, 20 716 Deutsche (57,8%), und 4283 (11,9%) andere.

Nach der Religion haben sich die Einwohner so verteilt: Evangeliker-Lutheraner bildeten 91,7%, Katholiken 5,3%, Israeliten 1,7%, andere Religionen 1,3%. In den Jahren 1923–1939 blieb die evangelische Kirche in Memelland der evangelischen Kirche Deutschlands unterstellt.

Selbständige, die in der Produktion arbeiteten, gab es 93,813 Menschen oder 66,2% aller Einwohner, davon arbeiteten in der Landwirtschaft 43,8%, in der Industrie 10,5%, im Handel 5,3%, im Gewerbe 2,5%, im Verkehr und Administration 3,2%, in den anderen Bereichen 34,7%. In den Städten und kleinen Städtchen wohnten ungefähr 56%, in den Dörfern ungefähr 44% der Gesamtbevölkerung. Die meisten Dorfbewohner waren Litauer, die Stadtbewohner – Deutsche.

Die soziale Struktur der Bevölkerung war so: von der Gesamtzahl der Litauer (50,8%) gab es 45,0% Bauern, 35% Arbeiter, 15% Rentner, 5% Kaufleute, Industrielle, Handwerker und Beamte. Die Deutschen bildeten den entsprechenden Prozentsatz so: 15%, 25%, 40% und 20%. Diese Zahlen zeigen, daß die ökonomische Grundlage (Industrie, Finanzen, Handel, Güter) in den Händen der herrschenden Schicht lag. Die Litauer bildeten die niedrige soziale Schicht und spielten im Leben des Landes nicht die ersten Rollen.

Die seit 1924 eingesetzte Option und Migration veränderte das nationale Kräfteverhältnis. Die Einwohner, die die litauische Staatsangehörigkeit optierten, bekamen den Ausweis des bodenständigen Einwohners und wurden vollberechtigte Bürger des Landes. Die deutsche Staatsangehörigkeit haben 11167 (8%) Deutsche, die in Memelland wohnten, optiert, von denen 9792 (7%) im Jahre 1932 nach Deutschland auswanderten. Der deutsche Konsul in Klaipėda versuchte mit verschiedenen Mitteln, die Auswanderung der Deutschen aus Memelland zu verhindern.

Die Tendenz des Zuwachses der litauischen Bevölkerung zeichnete sich in zwei Richtungen ab: in dem natürlichen Zuwachs der Litauer, der großer war als der der Deutschen und in der Migration aus den anderen Gegenden Litauens. Bis zum Jahre 1932 sind etwa 8000 (6,0%) Personen, meistens Arbeiter, in das Memelland eingewandert. Anfang des Jahres 1932 bildeten die Litauer im Memelland 58,5%, Deutsche 38,2%, andere 3,3%. In der Stadt Klaipėda vergrößerte sich die Zahl der Litauer bis 38,7%. In den Jahren 1923–1938 sind aus Litauen in das autonome Memelland mehr als 30 000 Menschen, meistens Arbeiter, eingewandert. In Klaipėda funktionierten autonome Einrichtungen: das Direktorium, der Stadtmagistrat, das Bezirksgericht von Klaipėda und andere. In Klaipėda wurden auch staatliche Ämter gegründet: Gouvernement, Hafensverwaltung u. a.

Vor den Wahlen zum I. Landtag (am 19.10.1925) hatten örtliche deutsche Politiker ein Wahlkomitee für die Einheitsfront geschaffen, das die Aufgabe hatte, die Memelländer zur einheitlichen Front gegen Litauen zu vereinigen. Die Einwohner des Memellandes waren nach der Nationalität und nach der politischen Entscheidung in Litauer und Deutsche eingeteilt.

Außer den funktionierenden Parteien der Sozialdemokraten und der Arbeiterpartei wurden zwei revanchistische deutsche politische Parteien gegründet: Memelländische Landwirtschaftspartei unter der Führung von Gutsbesitzern H. Conrad, K. Dressler, J. Gubba und die Memelländische Volkspartei unter Führung des Bürgermeisters von Klaipėda A. Grabow, von Geschäftsmann J. Kraus, von Schulrat R. Meyer. In der Tätigkeit dieser Parteien beteiligten sich aktiv die Beamten, die feindlich gegen Litauen und Litauer gesinnt waren. Die litauischen memelländischen Parteien waren schwach, zersplittert, sie hatten keinen größeren Einfluß auf die Bevölkerung.

In den Jahren 1925–1938 fanden die Wahlen in den Landtag sechs statt. In allen sechs Landtagen bekamen die deutschen Parteien die Mehrheit der Stimmen, d. h. mehr als 80% aller Stimmen. Von insgesamt 29 Vertretern hatten die deutschen Parteien: im I. Landtag 27, im 2. – 25, im 3., im 4., im 5. – je 25, im 6. – 25 Vertreter. Die litauischen Parteien hatten entsprechend 2, 4, 5, 5, 5 und 4 Vertreter. Die Vertreter der deutschen Parteien bildeten im Landtag einen Parteiblock der Mehrheit. Sie konnten über die wichtigsten Fragen des Landes entscheiden.

Vorsitzende des Direktoriums der Aufständischen Erdmonas Simonaitis
(15 Jan. - 14 Feb. 1923)

Der Gouverneur hatte das Recht nach seinem Ermessen den Vorsitzenden des Direktoriums zu ernennen, der letztere konnte 2–3 Mitglieder wählen. Seit dem Jahre 1931 forderte der Parteiblock der Mehrheit, daß der Gouverneur den von ihnen empfohlenen Kandidaten zum Vorsitzenden ernannte. In den Jahren 1923–1939, d. h. während 16 Jahre, wurden 16 Direktorien gewechselt. Ständige Krisen der Direktorien, gespannte politische Lage im Land hatten die völlige Entwicklung der Ökonomik und Kultur, die Stabilisierung der friedlichen Beziehungen zwischen Deutschen und Litauern verhindert.

Die in Deutschland entstandenen revanchistischen und nationalsozialistischen Organisationen und (Gruppierungen wie „Deutsch-litauischer Memellandbund“, „Jugendwehr“, „Wehrwolf“, „Stahlhelm“, „Offizierverein“ und andere unterhielten Beziehungen zu den deutschen Organisationen in Memelland. Die geschaffenen Fonds „Deutsche Stiftung“, „Osthilfe“, „Deutsche Hilfe“, „Deutscher Schutzbund“, „Ostpreußische Schulverband“, „Condordia“ finanzierten und instruierten die deutschen ökonomischen, kulturellen, Bildungs- und Beamtentumsorganisationen und die Presse im Lande.

Als die Tätigkeit der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“ (NSDAP) unter der Führung von A. Hitler aktiv wurde, wurde 1928 ihre geheime Abteilung in Klaipėda gegründet. Am 1. Juni 1933 wurde nazistische Partei „Christlich-sozialistische Arbeitsgemeinschaft des Memelgebiets“ (CSA) unter der Leitung von Pastor T. Sass gegründet, die 2258 Mitglieder zählte. Am 21. Juni 1933 wurde die zweite nazistische Partei „Sozialistische Volksgemeinschaft des Memelgebiets“ (SVOG) gegründet. Sie wurde von dem Tierarzt E. Neumann geleitet und zählte 5986 Mitglieder. Die alten deutschen politischen Parteien verwandelten sich in nazistische Parteien.

Der Prozeß gegen die Hitleranhänger in Kaunas, 1934-1935

Nach dem Muster der NSDAP in Deutschland organisierten die Parteien ihre Sturmstaffeln, häuften Waffen an, bereiteten den bewaffneten Aufstand, um das Memelland von Litauen abzutrennen. Die Hitleranhänger übten in den Wahlkampagnen, in den Versammlungen, in der Presse Einfluß auf die bodenständige Bevölkerung, die sich mit Deutschland traditionell verbunden fühlte, dadurch aus, daß sie ihr höheres ökonomisches und kulturelles Niveau betonten, auf den Unterschied in der Religion hinwiesen. Sie hetzten die deutschen Memelländer und Litauer gegen Litauer und sogenannte „Großlitauer“ auf. Indem sie die germanisierten Litauer von dem eigenen Volksstamm loszutrennen versuchten, verachteten und geringschätzten sie die Niederlitauer, kritisierten die litauische Regierung für die angebliche Kolonisation des Landes, für die Politik der Lituanisierung, für die ständige Verletzung der Artikel des Statuts. Man begann verschiedene Terrormaßnahmen gegen die Litauer, Juden und demokratisch gesinnte Deutsche zu treffen. Die litauische Regierung betrachtete diese Handlungen der Naziparteien als Verstoß gegen die Souveränität Litauens. Sie verabschiedete am 8. Februar 1934 das Gesetz „Zum Volks- und Staatsschutz“ und organisierte am 14. Dezember 1934 und am 26. März 1935 in Kaunas einen Prozeß gegen die aktivsten Parteimitglieder. Die 122 angeklagten Personen waren hohe Beamte in den Ämtern von Klaipėda. Sie bekleideten Ämter in dem Landtag, in den Bankverwaltungen, in den Aktiengesellschaften, in den Selbstverwaltungen, waren Lehrer, Juristen, Mitarbeiter der autonomen Polizei. 87 Personen wurden zu verschiedenen Strafen verurteilt, 4 zu Todesstrafe. Nach dem Gerichtsprozeß folgte eine scharfe Aktion Deutschlands gegen Litauen. Die Signatare verlangten Zugeständnisse für Deutschland. Der Gouverneur J. Navakas, der die Nazisten zu bändigen und die Aktion der Lituanisierung begann, wurde am 4. April 1935 abberufen. Es wurden auch andere Zugeständnisse den Hitleranhängern im Lande und in Deutschland gemacht.

Die komplizierten Prozesse in Litauen selbst verhinderten die aktive ökonomische Tätigkeit der regierenden Schichten Litauens in Memelland 1923–1930. Erst seit 1931, d. h. mit großer Verspätung, begann man aktiv die ökonomischen Probleme zu lösen. Von der Lösung dieser Probleme hing auch die Frage der Zugehörigkeit des autonomen Memellandes ab.

In Memelland gab es zweierlei Betriebe: alte oder deutsche Betriebe und staatliche oder litauische. Die alte Industrie vertraten große holzverarbeitende Betriebe: Zellulose- und Papierfabrik, Aktiengesellschaft „Bisdom u. Zoon“ der Furnierfabriken, 15 Sägewerke, die Werft „Lindenau u. Ko“, einige Möbelwerkstätten, die eine große holzbearbeitende Industrie darstellten. Es gab noch einige kleinere Werke. Die Betriebe wurden von den deutschen Geschäftsleuten nach den alten Geschäfts- und Arbeitsrechtsgesetzen Deutschlands geleitet. Die deutschen Bankiers kauften die Aktien der Produktionsbetriebe und der Banken auf, gewährten Darlehnen. Im Jahre 1934 gehörten dem Kapital Deutschlands Aktien folgender Betriebe: die der Zellulose- and Papierfabrik im Werte von 15 Mill. Lit., die der Aktiengesellschaft der Furnierfabriken „Bisdom u. Zoon“ – 8 Mill. Lit., die mancher Sägewerke – 1 Mill. Lit., die der Düngerfabrik „Union“ – 3–4 Mill. Lit., die des Elektrizitätswerkes der Stadt Klaipėda – 5,5 Mill. Lit., die der Betriebe der Binnengewässerschiffahrt – 6 Mill. Lit. Der Magistrat von Klaipėda war 13,5 Mill. Lit. den Bankiers Deutschlands schuldig. In den Aufsichtsräten und Verwaltungen der größeren Betriebe saßen für Litauen feindlich gesinnte Personen, führten feindliche Politik für die Ökonomik Litauens. Die mißlungenen Bemühungen der litauischen Regierung, die holzbearbeitende Industrie in eigene Hände zu nehmen, stieß auf Kapitalkonkurrenz Deutschlands.

In die Ökonomik des Memellandes drang sich das litauische Staatskapital und das private der litauischen und judischen Geschäftsleute. In Klaipėda wurde ein ganz neuer Industriezweig Textilindustrie geschaffen. Im Jahre 1937 erreichte ihre Produktion 28,2 Mill. Lit. und hatte den ersten Platz eingenommen. Die Nahrungsgüterindustrie nahm den 2. Platz ein. Die Holzindustrie wurde auf den dritten Platz nach dem Produktionswert geschoben.

Die meisten staatlichen oder litauischen Betriebe unterstanden dem Verkehrsministerium: die Eisenbahnverwaltung, der Nachrichtenwesen, das Rayon der Wasserwege von Rusnė, die Verwaltung des Hafens. Den Staatseinrichtungen gehörten Vereinigungen: „Lietuvos eksportas“, „Maistas“, „Pienocentras“, „Lietūkis“, Zweige der litauischen und der Landbanken, die von den Zentren in Kaunas administriert wurden. In den staatlichen Betrieben und Einrichtungen arbeiteten meistens aus anderen Gegenden Litauens zugewanderten Arbeiter und Beamte. Sie bekamen 10–25% geringeren Lohn als die Arbeiter und Beamten der autonomen Betriebe bzw. Einrichtungen. Die soziale Lage der litauischen Beamten war nicht gleich im Vergleich zu der der Deutschen. Deshalb konnten sie nicht diese Kraft sein, die die Positionen der Regierung Litauens im Lande zu festigen helfen konnte.

Die Zahl der Industriebetriebe, in denen 5 und mehr beschäftigt waren (152 Betriebe mit 5639 Arbeitern), war bis 1938, d. h. während 13 Jahre (191 Betriebe mit 9639 Arbeitern) um 8% und ihre Arbeiterzahl um 61,8% oder 1,6 mal gestiegen. Der Wert der Industrieproduktion erreichte im Jahre 1937 115,5 Mill. Lit. oder 26,9% des Gesamtwertes der litauischen Industrieproduktion. Den größten relativen Teil der litauischen Industrie betrugen die holzbearbeitende Industrie (54,0%), Papier- und poligraphische Industrie (56,4%), Textilindustrie (42,6%), chemische Industrie (36,5%).

Das Entwicklungsniveau der Industrieproduktion im Memelland war höher als das des litauischen Hauptteiles, sie war mehr konzentriert, hatte mehr moderne Technik. Im Jahre 1937 gab es 35 Betriebe, die mehr als 50 Arbeiter hatten (28,5%). In ihnen arbeiteten 8080 Arbeiter oder 34,9% der Großindustrie in ganz Litauen. In den Industriebetrieben betrug die Leistung der Dampf- und Verbrennungsmotoren 35% und die der Elektromotoren 41,8% der gesamten mechanischen Motoren Litauens.

Die Industrie, der Handel und die Landwirtschaft in Memelland wurden von den litauischen und deutschen Banken oder Krediteinrichtungen finanziert. Die von den litauischen und judischen Banken gewährten Kredite waren nicht imstande, mit den örtlichen deutschen Banken zu konkurrieren, die vom Kapital Deutschlands finanziert wurden. Etwa 30% aller gewährten Kredite gehörten den litauischen Krediteinrichtungen und 70% den deutschen. Die Beziehungen der deutschen Banken im Lande mit Deutschland wurden im Jahre 1934 während der Revision des Finanzministeriums aufgedeckt. Es wurde festgestellt, daß 1925 ohne Erlaubnis des Finanzministeriums an der Landwirtschaftsbank der Kreditverband Memelländischer Grundbesitzer und 1927 Agraria Kreditgesellschaft gegründet worden waren, die den Gutsbesitzern und Landwirten Kredite gewährten. Die Revision hat festgestellt, daß der Kreditverband 1 767 377 M und Agraria 1 649 021 M den Banken Deutschlands schuldig waren. Ihre Tätigkeit wurde 1935 eingestellt. Die Banken Deutschlands verstanden es, das Land ökonomisch mit Deutschland zu verbinden, die Debitoren in die politische Tätigkeit einzubeziehen.

Der Hafen begann eine wichtige Rolle im internationalen Handel Litauens zu spielen. In den Jahren 1923–1938 wurde der Hafen rekonstruiert: das Becken des Seehandels wurde bis 10 ha erweitert und bis 8 m vertieft, die Kais wurden verlängert, es wurden technische Einrichtungen erworben, die Eisenbahn und die Chauseen verbanden ihn mit allen Regionen Litauens, seit 1932 wurde die Mehrheit der Waren über den Hafen abgewickelt, es wurde die Konkurrenz gegen die Nachbarhäfen Liepaja und Königsberg gewonnen. Zur Erweiterung des Hafens stellte der Haushalt Litauens 41,7 Mill. Lit. bereit, das investierte private Kapital der Schiffahrtgesellschaften und der Kaufleute ist nicht inbegriffen. Anfang 1939 hatte die litauische Handelsflotte 11 Seehandelsschiffe, es wurden 26 Seeleute-Spezialisten ausgebildet, eine neue Baltische Loyd-Schiffahrtgesellschaft Litauens gegründet. Im Jahre 1938 wurde 75,6% des Exportes und 64,8% Importes des ganzen Litauens über den Hafen abgewickelt. Der gesamte Warenumschlag des Hafens betrug 70,3% des Außenhandels Litauens. Der Hafen wurde im Laufe von 16 Jahren zum Zentrum des Außenhandels Litauens.

Die Landwirtschaft des Memellandes hatte höheres agrotechnisches Niveau, es gab mehr verbesserte Böden, die Erträge waren um 2–5–8 Ztr. größer als in dem Hauptteil Litauens. Sie wurde von der Bodenreform, die in Litauen durchgeführt worden war, nicht berührt. Im Jahre 1930 gab es im Lande 12 565 Gehöfte mit 181 000 ha Bodenfläche. Von 1 bis 20 ha gab es 10 295 Gehöfte oder 82,0% aller Gehöfte, ihnen entfielen 43,0% des ganzen Bodens. Große Agrarier (100 ha und mehr) gab es 130 (1,1%), die 16% der ganzen Bodenfläche besaßen. Die kapitalistischen Verhältnisse in der Landwirtschaft hatten schon festen Fuß gefaßt.

Nach der bestehenden Tradition hatten die Klein- und Mittelbauern, meistens Litauer, die Beziehungen zu den Gutsbesitzern nie gebrochen. Die Führer der Landwirtschaftspartei, seit 1933 zu der nazistischen Neumann Partei überwechselt, verstärkten ihren Einfluß auf die Bauern. Durch die ihnen zur Verfügung stehenden Krediteinrichtungen wie Kreditverband, Agraria, Reiffeisen Bank mit 38 Kreditgesellschaften, Viehverwertungsgenossenschaft, Handelsgesellschaft haben sie die Bauern mit Düngermitteln, Aussaat, landwirtschaftlichen Maschinen, mit Geldkrediten versorgt. Das Vieh und die landwirtschaftlichen Produkte wurden aus den der Nazipartei gesinnten Bauern zu höheren Preisen aufgekauft. Die Schuldner wurden gezwungen, der nazistischen E. Neumann Partei beizutreten und sich an der Hitlerbewegung zu beteiligen.

Im Jahre 1934 gab es in Memelland 40 landwirtschaftliche Gesellschaften und Banken, die finanziell von Deutschland abhingen, 10 000 Personen waren Schuldner. Die von Deutschland 1934 verhängte Blockade für Litauen traf schmerzlich die ganze Ökonomik Litauens.

Daß Deutschland die Ökonomik des Memellandes gestaltete, sieht man aus dem Handelsvertrag zwischen Litauen und Deutschland von 1936. In ihm wurde vermerkt, daß Deutschland 40% des ganzen Kontingents von Schweinen und Vieh nur aus ökonomischen Ortsgesellschaften in Memelland kaufen wird. Die ganze ökonomische Politik Deutschlands beeinflußte die politische Entscheidung der Einwohner in Memelland. Die deutschen ökonomischen Gesellschaften arbeiteten mit den Monopolvereinigungen Litauens „Maistas“, „Pienocentras“, „Lietūkis“ nicht zusammen, sie wirkten getrennt und konkurrierten mit den letzteren. In den Jahren 1923–1938 wurde für Industrie, Landwirtschaft, Handel, zum Aufbau der Handelsflotte, zur Erweiterung des Hafens allein aus dem Haushalt Litauens 180 Mill. Lit. bereitgestellt. Ungeachtet der großen Anstrengungen und Geldmittel gelang es der litauischen Regierung nicht, in der Ökonomik des Landes festen Fuß zu fassen.

Ein erbitterter Kampf zwischen Litauen und Deutschland ging im Bereich der Bildung vor sich. Im Jahre 1923 waren in der Kompetenz des Direktoriums 241 Volksschulen, in denen 17 794 Schüler lernten und 433 Lehrer arbeiteten. Nur in der Schule von Paupuliai war das Litauische als Unterrichtssprache. Hier arbeitete der Lehrer E. Simaitis. Es gab einige höhere Schulen, davon 4 deutsche Gymnasien: Luise- und Auguste-Viktoria-Gymnasium in Klaipėda, Herber-Gymnasium in Šilutė und landwirtschaftliche Realschule in Pagėgiai, 2 Mittelschulen als Progymnasien in Klaipėda, ein Lehrerseminar und einige Fachschulen. Es gab nur ein im Jahre 1922 gegründete Gymnasium mit litauischer Unterrichtssprache, das 1930 den Namen Vytautas des Großen erhielt.

Den im Lande gebliebenen Lehrern, wie auch anderen Beamten, stellte das deutsche Konsulat Einbürgerungsausweise aus, zahlte Lohnunterschiede zwischen den litauischen und deutschen Löhnen, seit 1930 einmalige Summen, je nachdem, welche Arbeit der Lehrer zum Nutzen Deutschlands leistete. Die Lehrer waren im Lehrerverein zusammengeschlossen, der als Mitglied des deutschen Lehrerverbandes in den Jahren 1923–1939 bestehen blieb.

Nach den von den Direktorien unter Leitung von V. Gailius (vom 15.2.1923 bis zum 4.2.1925) und von E. Bordiert (vom 5.2.1925 bis zum 16.I.1926) erlassenen Bestimmungen wurden gleiche Rechte in den Schulen des Landes beiden Sprachen gewährt, litauische Kinder konnten litauisch lernen, deutsche – deutsch, in den gemischten Schulen sollte in der Sprache der Mehrheit gelehrt werden. Es wurde verlangt, daß die Lehrer in 2, spätestens in 5 Jahren die litauische Sprache erlernen sollten. In die Schulen wurden als Fächer die litauische Sprache, die Geschichte Litauens, die litauische Geographie und Literatur eingeführt. Die Verwirklichung dieser Bestimmungen hatte einen scharfen Kampf ausgelöst, in den die Eltern der Schüler, Lehrer und fast die ganze Gesellschaft des Landes einbezogen wurden.

Im Jahre 1938 gab es 235 Volksschulen, in denen 14 784 Schüler lernten, 420 Lehrer arbeiteten. Aus der Gesamtzahl der Schulen waren 26 (11,1%) litauische, in denen 1956 (13,2%) Schüler lernten, 25 Schulen (10,6%) waren gemischte mit 1006 (6,8%) Schülern und 184 (78,3%) deutsche Schulen mit 11 822 Schülern (80,0%). Weil die erwähnten Bestimmungen nicht beachtet wurden, begann man die litauischen, auch sonst nichtzahlreichen Schulen zu schließen. Auf Initiative der Schulgesellschaft des Landes begann man private Schulen zu gründen. Sie hatten großen Erfolg unter den Litauern. Im Jahre 1938 gab es 60 private litauische Schulen mit 2520 Schülern, von denen 1501 (59,6%) Kinder der Memelländer waren, 979 (38,8%) waren Kinder der aus anderen Teilen Litauens Zugewanderten und 40 (1,6%) von anderen Orten. Es wurden private Schulen gegründet: in Pagėgiai 1926 Donelaitis-Gymnasium, in Šilutė 1932 Vydūnas-Progymnasium. In allen litauischen höheren Schulen ist die Zahl der Schüler in den Jahren 1923–1938 um 22,7 mal gestiegen, d. h. 1923 lernten 54 Schüler (2,1%), 1938–1225 Schüler oder 39,8% aller in den höheren allgemeinbildenden Schulen lernenden Schüler. In den Jahren 1923–1939 gab es in Klaipėda eine Musikschule.

Bis 1934 herrschten in Klaipėda deutsche Bildungs- und Kultureinrichtungen vor. Im Lituanisierungsprogramm von Gouverneur J. Navakas (vom 18.11.1933 bis 4.4.1935) war es vorgesehen, Klaipėda in ein Kulturzentrum Westlitauens zu verwandeln. In den Jahren 1934 und 1935 wurden zwei Hochschulen gegründet: dreijähriges Handelsinstitut und zweijähriges Pädagogisches Institut. Im Jahre 1935 wurde das Lehrerseminar zum Pädagogischen Institut mit deutscher Unterrichtssprache reorganisiert. In allen drei Hochschulen studierten 1938 370 Studenten. Im Jahre 1936 wurde in Klaipėda staatliche Berufsschule gegründet. Im Jahre 1935 wurde das Theater von Šiauliai nach Klaipėda verlegt und als Staatliches Theater von Klaipėda genannt. Es wurde in den Räumen des deutschen städtischen Schauspielhauses untergebracht. Die Pressegesellschaft „Rytas“ gab Bücher und Zeitungen heraus: „Lietuvos keleivis“ (1924–1939), „Darbininkų balsas“ (1931–1939), „Vakarai“ (1936–1939) und andere. In Klaipėda gab es heimatkundliches Museum, das litauische Krankenhaus Rotes Kreuz. Die Mitarbeiter der Bildungs- und Kultureinrichtungen bildeten eine Gemeinschaft der Intellektuellen. Die Klaipėdaer Schriftstellerin Ieva Simonaitytė wurde durch ihren ersten Roman „Aukštųjų Šimonių likimas“ bekannt und 1935 mit der Staatsprämie ausgezeichnet. In der Residenz des Gouverneurs arbeitete der bekannte litauische Schriftsteller I. Šeinius, im Vytautas-Didysis-Gymnasium lehrten der Dichter S. Šemerys, der Schriftsteller A. Venclova, der Klaipėdaer Künstler A. Brakas und andere. Seit dem Jahre 1934 wurden in Klaipėda Seefeste, Olympiaden, die Annährungsfeste des Heeres mit der Gesellschaft, Wassersportkämpfe organisiert, Tagungen der litauischen Organisationen durchgeführt, immer häufiger erschienen Staatsmänner, Kulturschaffende in Klaipėda. Das versetzte die Nazis in Unruhe. Nachdem der Gouverneur J. Navakas abberufen worden war und die Mehrheit des Landtages das Mißtrauensvotum den litauischen Direktorien, geleitet von M. Ruzgys (vom 12.1.1934 bis 28.6.1934) und von J. Biuvelaitis (vom 12.4.1934 bis 27.11.1935) erklärt hatten, wurde die intensiv begonnene Arbeit der (Gründung von Kultureinrichtungen und die Tätigkeit ruhiger.

Der seit 1935 begonnene Zerfall des Versailler Systems, die Formierung der neuen internationalen Beziehungen in Europa, die ständige und offene Einmischung Deutschlands in die inneren Angelegenheiten des Memellandes haben die Regierung Litauens gezwungen, ihre Politik zu ändern und Deutschland Zugeständnisse zu machen. In den Jahren 1935–1938 wurden alle verurteilten Hitleranhänger amnestiert und ihnen alle politischen Rechte zurückgegeben. Am 25. März 1938 hatte Deutschland 11 Punkte Forderungen Litauen eingereicht: den Kriegszustand, die Sicherheitspolizei, die Pressezensur aufzuheben, den nazistischen Organisationen freies Handeln zu erlauben, das Vetorecht des Gouverneurs, die Aufsichtskontrolle der Schulen rückgängig zu machen, den Gebrauch der deutschen Sprache in Staatseinrichtungen gesetzlich festzulegen u. a. Die Regierung Litauens hatte ihnen Genugtuung gegeben.

Das Plakat vom 1938

E. Neumann erhielt aus Deutschland die Anweisung, die Gesellschaft in Memelland zu faschisieren und sie auf den Anschluß vorzubereiten. Am 14. Oktober 1938 wurde massenhafter nazistischer Memeldeutscher Kulturverband gegründet. Es wurden Ordnungsdienst nach dem Muster von Schützstaffeln in Deutschland aus 2000 Mann, Sturmabteilungen aus 6000 Mann, motorisierte, Reit-, Seesturmabteilungen, Streifendienst, Sanitätsabteilungen formiert. Die Arbeitergewerkschaft wurde in die Arbeitsfront reorganisiert, Bauernbund geschaffen. Die Schulkinder wurden in der Hitlerjugend zusammengeschlossen. Die faschisierte Gesellschaft des Landes verlangte Anschluß.

Am 20. März 1939 reichte der Außenminister Deutschlands J. Ribbentrop Litauen eine strenge, ultimative Forderung ein: entweder Memelland oder deutsche Wehrmacht wird nach Litauen marschieren. Indem die Regierung Litauens keinen Ausweg fand, nahm sie am 22. März 1939 das Ultimatum an, d. h. sie unterzeichnete den Vertrag der Abtretung des Memellandes an Deutschland. Dieses Ultimatum Deutschlands hatte den 99. Artikel des Versailler Vertrages und andere Dokumente der Abtretung des Memellandes an Litauen, die Deutschland unterzeichnet hatte, verletzt. Die Lostrennung des Memellandes von Litauen war seitens Deutschlands ein widerrechtlicher Akt, die Okkupation eines Teiles von Litauen. Das hat 1946 das Internationale Nürnberger Kriegstribunal anerkannt. Das litauische Heer verließ Klaipėda, 18 000 Litauer wurden evakuiert, die Deutschen besetzten die Staatsbetriebe und Einrichtungen.

A. Hitler redet mit dem Führer des Memellandes E. Neumann, 1939

Die Eroberung des Memellandes war ein schmerzhafter moralischer und politischer Schlag für das ganze litauische Volk und hatte ihre Ökonomik erschüttert. Litauen verlor 5,1% ihres Territoriums, 6,0% aller Einwohner. Es verlor den einzigen Handelshafen, das Tor in die Welt, durch den 70,3% des ganzen Auslandshandelsumsatzes Litauens abgewickelt wurde. Die Zurücklassung der freien Zone für Litauen war nichts anderes als das Bestreben Deutschlands Litauen endgültig ökonomisch zu unterkriegen. Mit dem Verlust des Hafens wurde die Selbständigkeit Litauens geringer.

Litauen hatte in den Jahren 1923–1939 aus dem Haushalt mehr als 180 Mill. Lit. verloren, die in die Klaipėdaer Wirtschaft investiert wurden Es verlor 13,0% der Industrie, 26,0% der Industriearbeiter, 26,9% der jährlichen Industrieproduktion. Große Verluste erlitt auch der litauische Export. Man hat Exportwaren wie Zellulose, Furnier, bearbeitetes Holzmaterial, Stäbe für Streichhölzer u. a. verloren, deren Export etwa 20% des ganzen litauischen Exports betrug. Der Verlust des Memellandes hatte weniger Schaden für die Landwirtschaft angerichtet als für Industrie und Handel.

Die Eingliederung des autonomen Memellandes, des historischen litauischen Landes, in den litauischen Staat und das gemeinsame Leben in den Jahren 1923–1939 sind trotz ungünstiger Verhältnisse für Litauen nicht ohne Spur geblieben. Die Geschichte des Memellandes nimmt einen wichtigen Platz in der allgemeinen Geschichte Litauens ein.

 
Zusammenfassung aus dem Buch:

Žostautaitė, Petronėlė. Klaipėdos kraštas 1923–1939, Vilnius: Mokslas, 1992, S. 372–381.

 

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